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Die Kleinfamilie ist nichts als Illusion

Trotz mehr familiären Freiheiten, Homo-Ehe, Patch-Work-Zusammenstellungen oder neuer Freund/neue Freundin-Familie ist die gesellschaftliche Vorstellung einer „normalen“ Kleinfamilie nach wie vor vorhanden und in der idyllischen Betrachtung ganz weit vorn. Dennoch ist sie nichts weiter als eine Illusion, findet zumindest die Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve . Denn das Konstrukt funktioniert mit einem oder auch zwei Erwachsenen mehr schlecht als recht in diesen Zeiten. Gut zurechtkommen hingegen die, die sich ein funktionierendes Netzwerk aus Großeltern, Nachbarn und Freunden aufgebaut haben – demzufolge das Plädoyer von Tazi-Preve: Man muss Familie größer denken!

 

Und das bezieht sich auf keinen Fall auf die Anzahl der Kinder. Wichtig ist die Anzahl der erwachsenen Bezugspersonen, die Sorge tragen und sich kümmern können. Aber was heißt das genau? Tazi-Preve führt aus:

„Es gibt viele alternative Familienformen, nur westliche Gesellschaften leben so ein rigides „Vater, Mutter, Kind“-Modell. Kennen Sie das afrikanische Sprichwort „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“? Das führt zwar jeder im Mund, doch niemand lebt so. Zwei Bezugspersonen sind für ein Kind jedoch zu wenig. Ich halte ein matrilineares Verständnis von Verwandtschaft für ideal, wie das beispielsweise in Burkina Faso üblich ist. Dort fühlen sich alle Frauen einer Familie für alle Kinder verantwortlich, die Kinder wachsen also mit mehreren Müttern auf. Wer die leibliche Mutter ist, ist irrelevant, ein Wort für „Tante“ gibt es gar nicht. Die Brüder der Mutter fungieren als soziale Väter. Das ist quasi das Gegenteil des irrsinnigen Mutterwahns, den wir speziell in Deutschland pflegen, wo wir der Frau, die das Kind geboren hat, die komplette Verantwortung aufbürden.“

 

Familien sollten sich generationsübergreifend sehen und so wären mehrere Personen für die Kinder wichtig und ausschlaggebend. Oft passiert das heutzutage aber nur, wenn die Mutter vom Partner verlassen wird oder eine Krankheit die kleine Vater-Mutter-Kind-Zelle erschüttert. Dann springen die Großeltern, Geschwister der Eltern oder auch Nachbarn ein. Aber es braucht keine „Ausnahmesituation“, um füreinander da zu sein. Aber warum tun wir es nicht einfach? Warum halten wir so fest an dieser kleinen Familienvorstellung?

„Das Problem ist, dass wir unsere Glückserwartung fast komplett in dieses Lebensmodell verschoben haben. Der Partner und die Kinder sollen uns froh machen, das Zuhause ist der Sehnsuchtsort, in dem alles stimmen muss. Das ist so überfrachtet, dass es nicht funktionieren kann. Die Familie soll glücklich machen, aber sie tut es nicht. „Vater, Mutter, Kinder – das sind viel zu wenige Personen, um sich gegenseitig sämtliche Bedürfnisse erfüllen zu können. Zudem werden bei der Kleinfamilie zwei Dinge in einen Zusammenhang gestellt, die nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben: Die romantische Liebe und das sichere Aufwachsen von Kindern.“

 

Die lebenslange Liebe gibt es aber äußerst selten. Schuld, nach Tazi-Preve ist auch das vorhandene Wirtschaftssystem.

„Unser wirtschaftliches System und unser Familienleben funktionieren komplett unterschiedlich. Auf dem Arbeitsmarkt herrschen Konkurrenzdenken, Kosten-Nutzen-Logik und Profitmaximierung. Im Familienleben hingegen sind emotionale Zuwendung und Empathie wichtig. Familie und Beruf gleichzeitig leben zu wollen, ist daher wie die Quadratur des Kreises. Alles, was das eine System stützt, führt im anderen zum Scheitern.“

 

Damit müssen Eltern von früh bis abends im Lebensumfeld und in der Arbeit bestehen, um sich nach Feierabend dem ganz anderen, emotionalen Familienumfeld zu widmen. Dass dies schlecht zu vereinbaren ist, wundert nicht und die, die bei diesem Gewaltakt auf der Strecke bleiben, werden immer mehr. Die Kleinfamilie scheitert. Immer öfter, so wie die Scheidungs- und Trennungszahlen belegen.


… morgen dann mehr zu der Frage, woher die Vorstellung kommt, dass Familie und Ehe glücklich machen sollen?


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