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Kolumnen

Die Geschlechterfrage

Als ich klein war (ok, relativ klein, ich war die zweitgrößte der Klasse) beschäftigte ich mich stundenlang mit den Indianern, Panzern und Matchbox-Autos meines Onkels, der noch bei meinen Großeltern in einem miefigen, Poster bepflasterten Zimmer hauste. Ich liebte, wenn wir Sockenwerfen spielten (Ich musste möglichst schnell vom Schrank zur Tür rennen. Er saß auf seinem Bett und versuchte mich mit einem – Gott-sei-Dank – frischen Knäul von Socken zu erwischen) und ich kletterte gern auf Bäume, aber manchmal fehlte mir der Mut, allein wieder den Weg nach unten zu finden. Ich fuhr mit dem Fahrrad unerlaubterweise quer durch die ganze Stadt, nur um zu Hause mit ein paar selbst geklauten Möhren oder Blumen aufzuwarten und ich war sehr gut darin, im unbewachten städtischen Tierpark über den Zaun zu klettern, um mich in einem Besucher fernen Moment auf einen Rücken der dort platzierten Pferde zu setzen. Die guten Tiere, die ich im Winter oft mit unseren missglückten, steinharten Plätzchen beglückt hatte, waren geduldige, langsame Artgenossen und so kam ich immer unverletzt wieder runter und raus aus dem Gehege.

Ich liebte meine Latzhosen, die auch mit wenig Arsch und speichendürren Beinchen passten, da sie auf der Schulter festhingen und ich wehrte mich mit Leibeskräften gegen diese puffärmeligen Kleidchenvarianten und die rosa Rüschenblusen, bei der man am Hals kaum Luft bekam und wo die Knöpfe drückten. Ich mochte kleine Kaulquappen fangen und Frösche züchten, kolossale Weinbergschnecken, die ich vorzugsweise geheim im Blumentopf hielt, gigantisch große Hunde und natürlich liebte ich „Die Geschichte vom großen schwarzen Hund“. So gern hätte ich auf dem Heimweg so ein Riesentier namens Nepomuk gefunden, dass mich begleitet, beschützt und stärker gemacht hätte. Aber leider kam es nie dazu. Stattdessen erhielt ich zu meinem sechsten Geburtstag einen klitzekleinen pekinesischen Handtaschenhund mit Schleifchen und Nasenfalte, der bei Regen, Sturm und Schnee dick in wollene Stulpen eingepackt werden musste (Auch dieses Wesen konnte man natürlich lieben, aber das ursprüngliche Ziel war eindeutig verfehlt.). Ich mochte mein Training nach der Schule und natürlich handelte es sich um keine grazile Sportart wie Turnen oder gar Tanzen.

Ja, mit dem Mädchen-sein tat ich mich etwas schwer. Lange Haare waren super, lackierte Fingernägel auch, aber dann hörte es schon auf. Lange war ich dem Irrtum aufgesessen, ich muss an diesem kleinen Zipfel, den man zwischen den Beinen hat, nur lange genug ziehen, dann könnte daraus noch was Ordentliches werden. Ordentlich war zum Beispiel in meiner kindlichen Vorstellung, dass die Jungs, mit denen ich oft und gern herumstromerte, sich für eine Pullerpause nur an einen Baum stellen mussten. Ich hingegen brauchte hohes Gras oder einen dicht beblätterten Busch, damit das nackte Hinterteil nicht über Feld und Flur strahlte.

autobahn(Ein Umstand, der mich auch heute noch intensiv verärgert. Da steht man beispielsweise im Stau auf der dreispurigen Autobahn, die Augen fallen einem fast raus und man überlegt ob man in den McDonald Getränkebecher zielen könnte. Dann steigt der Autonachbar, Vorder- oder Hintermann aus, geht mir nichts dir nichts an den Straßenrand, wendet einem den Rücken zu und fluchs, alle Not wird aus dem zehn Zentimeter Hosenstall gelassen. Das ist doch eindeutig ungerecht.)

Mit zwölf schämte ich mich dann schrecklich als die bis dahin flache Brust plötzlich Bienenstichähnliche Erhebungen bekam und ich kann mich an einen riesigen Aufstand erinnern als ich zum Einkauf meines ersten BHs gezwungen wurde. Bis dahin hatte ich das Thema nämlich auf meine eigene Art gelöst: eine Binde aus dem Verbandskästchen nehmen, straff rumwickeln, das Ende mit Pflaster festkleben, fertig. Nichts wackelt, springt oder hüpft und ganz nebenbei ist es dann auch so flachgedrückt, dass es kaum bemerkt wird. Aber nun gut, die Strategie hielt nicht ewig und irgendwann fand ich mich in einer Umkleide und eine wildfremde Verkäuferin diskutierte mit meiner Mutter (es war oberpeinlich) über Umfang und Passform.

Warum ich das alles erzähle?

Nun, bei unserem Kind stand der Gedanke, dass es so neutral wie möglich aufwachsen sollte. Diese verkopfte Mädchen- und Jungensortierung nach rosa und hellblau mit Autos, Kuscheltieren, Indianern oder Feen sollte es nicht geben. Sie sollte sich aussuchen, was sie wollte. Und seit einiger Zeit will sie vor allem eins: Prinzessin sein, so richtig, mit Glitzer und Krone und Schleier, mit langen Kleidern und noch besser, etwas bunter Kriegsbemalung im Gesicht. Doch vorgestern im Garten nach einem kleinen Snack im Sonnenschein nahm mein Prinzessinnen-Kind eine Möhre vom Tisch, stopfte sie voller Freude in den kleinen gestreiften Schlüpfi, zog die Hose wieder hoch und schrie quietschvergnügt: „Ich bin ein Junge. Ich bin ein Junge. Ich bin ein Junge.“

Nun denn, dachte ich. Jetzt ist die Idee also auch bei ihr angekommen. Gern möchte ich auch mal tauschen und herausfinden wie sich das so anfühlt, im anderen Geschlecht. Und dann würde ich extra in den Stau fahren und mich demonstrativ an den Straßenrand stellen. Hauptsache man kann das dann auch ohne Übung – oder muss man vorher die Windrichtung checken? Sonst wird’s oberpeinlich….

In diesem Sinne, Mädchen haben es nicht leicht, aber ich bin mir sicher, Jungs auch nicht.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

Nachtrag für alle Buchneugierigen: Der Junge mit dem großen schwarzen Hund ist im Kinderbuchverlag Berlin erschienen, geschrieben von Hildegard und Siegfried Schumacher. Eine durch und durch ostdeutsche Geschichte, aber Kinder und Hunde sind in ihrer Meinung zum Glück noch vogelfrei.

Der Junge mit dem großen schwarzen Hund


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