Home  »  Kolumnen   »   Die DB – ein Erlebnis in drei Akten

Kolumnen

Die DB – ein Erlebnis in drei Akten

verreisen-mit-der-bahn

 

1. Szene: Leipzig am Abend, die Kinder schlafen, Couch

Endlich wird es soweit sein. Ich habe Zeit, die Freundin hat Zeit. Wir haben uns schon Ewigkeiten nicht gesehen und sind nun zufällig beide gleichzeitig zu Hause. Was liegt also näher als sich gegenseitig zu besuchen? Da ich mit dem Baby nicht allein zwei Stunden Autobahn fahren will, ist die Entscheidung für die Bahn schnell gefallen. Deshalb wühle ich mich gerade durch den Fahrplan und suche eine Zugverbindung raus. Freunde hatten mir ein Kleinkindabteil empfohlen, aber wie durch ein Wunder gibt es das gar nicht auf unserer Strecke. Also kein Kleinkindabteil. Stattdessen schaue ich nach Sparpreis 2. Klasse, der leider auch nicht mehr vorhanden ist und entscheide mich dann für den Sparpreis 1. Klasse, der irritierenderweise günstiger als die „normale“ 2. Klasse ist. Versteh` ich zwar nicht, aber muss ja auch nicht sein. Ich gebe an, dass ich mit Kinderwagen unterwegs sein werde und buche in einem Abteil. Zu diesem Zeitpunkt bin ich gut gelaunt und der Überzeugung, dass die Bahn sicher nur Angebote unterbreitet, die auch realistisch sind. Dazu aber später mehr. An diesem Abend gehe ich einfach mit ein wenig Vorfreude ins Bett und denke an die Fahrt in vier Tagen.
 

2. Szene: Vier Tage später, Leipziger Hauptbahnhof, Bahnsteig, halb zehn, ein sehr waches Baby, eine Reisetasche im Ablagefach des Kinderwagens

Ich bin erschöpft und stolz. Stolz, weil wir es wahnsinnig pünktlich bis zum Bahnsteig geschafft haben. Erschöpft, weil das Baby beim Frühstücksbrei genießt hat und wir uns beide noch einmal umziehen mussten. Aber wir sind bereit. Der Zug wird angezeigt und ich habe beschlossen, so dicht wie möglich beim Schaffner stehen zu bleiben, damit dieser hilfsbereit und zuvorkommend gleich am Kinderwagen mit anfassen kann. Der Zug rollt ein, das Baby zieht sich seine Mütze vom Kopf und als ich sie aufgehoben und wieder aufgesetzt habe, ist der Schaffner verschwunden. Toll, denke ich. Das war eigentlich nicht die Idee. Aber zum Glück kommt ein junger Mann auf mich zu, der ganz von allein seine Hilfe anbietet. Ich bin erstaunt, entzückt und beruhigt. Wagen also rein in den EC, der schon etwas älter scheint. Der Wagen passt mit Mühe um die Ecke am Klo vorbei und dann folgt die Schwingtür. Ich versuche sie mit dem Wagen aufzustoßen, aber das geht nicht. Also Wagen zurück um die Ecke, damit ich mich vorbei quetschen kann. Dann eben zuerst die Schwingtür auf und Wagen hinter sich herziehen. Gesagt, getan. Aber auch das geht nicht. Die Räder sind so breit, dass es Millimeterarbeit ist, den Kinderwagen überhaupt durch zu quetschen. Geht die komische Tür nur ein wenig wieder zurück, steckt der Wagen fest. Ganz fantastisch. Nach einigen Versuchen kommt ein älterer Herr, der das Problem erkennt. Vorschlag: Wagen wieder zurück. Er quetscht sich durch und hält mit langem Arm die Tür fest, damit ich durchpasse. Dann ist es geschafft und ich fahre vier Abteile weiter. Nummer 67/68, unsere Reservierung. Das Abteil ist zwar noch leer, aber ich sehe schon auf den ersten Blick, dass der Platz niemals für den Wagen reicht. Also bleibt er draußen. Gerade als ich das Baby nehme, kommt eine Schaffnerin vorbei: „Das geht so aber nicht, junge Frau, der Wagen kann hier nicht stehen bleiben.“  „Und wo soll er hin?“, frage ich. Antwort: „Das kann ich ihnen auch nicht sagen, aber hier geht’s nicht.“ Hhhhmmm. Ich kann ihn leider nicht zusammen klappen und ihn über Kopf balancieren, denke ich. Da das Baby aber meckert, sage ich nichts. Also versuche ich den Wagen irgendwie zur Hälfte in das Abteil zu würgen.  Daneben das gleiche Bild. Ein kleines Mädchen tapst unbeholfen in unsere Richtung und die Mama versucht, ihren Kinderwagen irgendwie zu verstauen. Ein sinnloses Unterfangen. Zu guter Letzt stehen beide Wagen in der Schiebetür, die deshalb immer wieder auf und zu geht. Sehr beruhigend, etwas zugig und mit den vorbeieilenden Mitfahrern auch nicht sehr leise. Aber das wichtigste, wir kommen an.

Ganz schön teuer und anstrengend diese Fahrt, die sich so gar nicht nach 1. Klasse angefühlt hat. Nein, ich will nicht ungerecht sein, zum Schluss kam die Schaffnerin noch mit einer Tüte Hustenbonbons vorbei.
 

3. Szene: Rückfahrt mit dem ICE, Reservierung leider nur noch im Großraumabteil möglich, ein schlecht gelauntes Baby, eine frierende Mutter

Ob man will oder nicht, man kommt mit Kinderwagen an Fahrstühlen nicht vorbei. Leider sind die schrecklich langsam oder bereits voll mit Taschen, Fahrrädern und/oder älteren Menschen. Ergo: Statt fünf Minuten Treppe brauche ich fast fünfzehn Minuten, um zum Bahnsteig zu gelangen. Dort ist es kalt, zugig und sehr leer. Als dann noch die Durchsage kommt, dass sich der Zug um fünfzehn Minuten verspätet, ist meine Laune im Keller. Bis zum Coffee Shop schaffe ich es wegen dem auf Schneckentempo eingestellten Fahrstuhl nicht und bei Eiseskälte das Baby beglücken, ist auch schwierig. Sophie, unsere Gummigiraffe, gibt alles und mit rot gefrorenen Fingern sehe ich endlich den Zug einfahren. Der Bahnsteig ist immer noch leer. Also hoffe ich auf aussteigende, nette Reisende, die beim Kinderwagen mit anpacken könnten. Der Zug hält, aber in Abschnitt D des Bahnsteigs steigt niemand aus. Das kann doch nicht wahr sein. Zum Glück erkennt ein Herr im Inneren mein Dilemma und kommt raus, um anzufassen. Vielen, vielen Dank.

Ich parke den Wagen am Einstieg zwischen den Glastüren. Meine Sitzplatzreservierung ist direkt dahinter und wir setzen uns an den Vierertisch, der wie alle anderen Plätze von Krawatte tragenden Business-Herren belegt ist. Wichtig klingende Telefonate, ernste Stimmen, das emsige Geklapper von Tastaturen und jetzt dazwischen ein mamammm-brrrrr-baba-Baby, das eigentlich schlafen soll, aber nicht kann. Wenn es mal eine psychologische Untersuchung gibt, wie man sich in sehr kurzer Zeit viele neue Freunde machen kann, sollte man ein Baby zwischen schwer arbeitenden Büromenschen am Freitagnachmittag in den Zug setzen. Ich bin mir sicher, die Sympathiepunkte, die man bekommt, sind hervorragend. Sie sind nur noch zu überbieten, wenn das gleiche Baby rot im Gesicht wird und streng riecht. Muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass ein Klo im ICE mit Wickelplatz nicht aufzufinden war? Bis Leipzig bedeutete das also ein müdes, stinkendes, schlecht gelauntes Baby und eine dazu passende müde, schlecht gelaunte und wahrscheinlich auch leicht stinkende Mutter, die folgende Notizen zum Thema Bahn fahren weiter geben kann…

  1. Nur weil es theoretisch Kinderabteile gibt, sind die nicht immer und überall verfügbar.
  2. Babykacke im Zug ist schwierig und eine Wickelgelegenheit ein 5er im Lotto.
  3. Wie gestresst man selber ist, hängt im Wesentlichen von den Mitreisenden ab. Businessabteile sind nicht zu empfehlen.
  4. Die schmalen Gänge im EC sind nicht für Kinderwagen geeignet.
  5. Eine zusätzliche Reservierung für Kinderwagen im Abteil ist völlig überflüssig, weil das Teil eh nicht reinpasst.
  6. Ein Schaffner ist kein Servicepersonal beim Ein- und Aussteigen. Am besten gleich Freunde und Partner für die Hilfe organisieren.
  7. Viel Zeit einplanen. Fahrstühle sind tolle Erfindungen, wenn sie nur nicht so furchtbar langsam und voll wären.
  8. Du darfst selbst nicht aufs Klo müssen. Geh vorher. Verkneif es Dir. Alles andere ist kompliziert, platztechnisch nicht möglich und/oder eklig.
  9. Ein wenig Hoffnung: es gibt auch nette Mitmenschen, die ihre Hilfe anbieten und … man hat nicht im Stau gestanden.

 
Sabine Henriette Schwarz “ Die DB – ein Erlebnis in drei Akten „

Tags

verwandte Artikel

  • 17.11.2017

    Trisomie 21 - das Leben mit Kind

    Noch immer möchten wir mehr erfahren, denn Einblicke sind wichtig für andere, die sich entscheiden müssen und für etwas Verständnis. Konstantin, Vater von Natalie, 14 Jahre,...