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Kolumnen

Der wilde Sonnenschein

Der Mann wünschte sich einen Krohnsohn. Stark und mutig sollte er sein. Möglichst einen ebenso bedeutenden Namen tragen, vorzugsweise aus der griechischen Geschichte, Fußball lieben und Klettern, Angeln und Bogen schießen. Die Idee war klar – und dann kam sie. Noch ein kleines Babymädchen. Die Vermutung lag nahe, dass eine zweite Ballerina das Haus zu einem Schloss werden lies – mit viel rosa und Rüschen, Schleifen, Glitzer und Tütüs. Eine Version davon hatten wir ja schon…

Aber sie ist anders – anders als ihre Schwester und anders als andere. Lauter, selbstbewusster, selbstbestimmter! Sogar dem coolen Kindergartenfreund mit Feuerwehrschutzschild wurde es auf dem Sommerfest zu viel. Zu viel Aktion, zu viel Reden, zu viel von allem. Er setzte sich und meinte mit seinen fünf Jahren sehr ernsthaft, dass er eine Pause brauchte.

Ja, mein kleines Mädchen ist besonders. Sie spricht wie ein Wasserfall, lernt mit Vorliebe Fremdwörter, Gedichte und Lieder und singt, nein, natürlich nicht leise und niedlich, in piepsender Mädchenstimme. Sie unterhält. Nachbarn, Feste, ganze Straßen und Supermärkte. Bibi und Tina in Vollendung bis zum letzten Schlussakkord in Lautsprecher-Manier. Denn nur laut ist auch wirklich schön. Die Welt ist ihre Bühne. Mit theatralischem Gesichtsausdruck, die Hand fest an ihr Herz gepresst, ganz versunken und glücklich. Mit dieser Fröhlichkeit und ihrem unschlagbaren Strahlen wickelt sie jeden um den Finger. Da kann man sich einfach nicht entziehen. Das kleine Mädchen hat alle um sich herum fest im Griff. Den Herrn Papa, die Schwester, die Freunde der Schwester und mich vielleicht auch ein ganz kleines bisschen.

Denn sie ist beim Augenaufschlag und in Liebeserklärungen ganz groß. Wem würde nicht das Herz schmelzen, wenn man an der Kindergartentür beim Abschied ein „Ich liebe Dich.“ entgegen geschmettert bekommt, wenn sich nach dem größten Murks das kleine Wesen an die Brust schmiegt, um zu verkünden: „Du bist meine liebste Kuschelmami.“ ? Eben. Sie kuschelt wie ein Weltmeister und ginge es nach ihr, könnten wir Stunden nur Krabbelnd und Steichelnd im Bett verbringen.

Aber sie ist eben auch laut und wild, sie liebt Fußball und Ballett, geht angeln, zelten, kettern und mag Ballett. Gern Glitzerrock mit vollgelaufenen Gummistiefeln oder Pailletten über der verkrusteten Matschhose.

Mitunter gibt es Anmerkungen von andern Müttern, von Bekannten und Fremden. Sie entspricht nun einmal nicht der Norm und den üblichen Vorstellungen von einem leisen, ruhigen, schüchternen Mädchen. Sie verteidigt lautstark ihre drei Jahre ältere Schwester, stellt sich entgegen, wenn unserem Hund scheinbar unrecht wiederfährt, kämpft um mich wie eine Löwin. Nein, Mami soll nicht mit Fremden sprechen und im übrigen soll ich auch nur ihre Mami sein. Schwierig in einem Geschwister-Kosmos. Mitunter hat es selbst der Herr Papa schwer, eine Unterhaltung zu führen, wenn Madame Pompadour ebenfalls etwas erzählen will.

Sie ist groß und weit (ja, wirklich – und das sage ich nicht nur als Mutter) – was dazu führt, dass andere sie gern älter schätzen. Schwierig in Situationen, wo man von Ronja Räubertochter im Konflikt mit anderen etwas verlangt, was man mit knapp vier nicht leisten kann. Das muss man erklären. Vermitteln zwischen dem wilden Kind und der erschrockenen Ein-Kind-Mama, die besorgt oder gar verängstigt ist.

Ja, sie lebt und liebt leidenschaftlich, ist mitfühlend, begeistert und erfreut, kann aber auch schrecklich sein. Erzürnt, wütig und bockig, Mehr Emotionen passen kaum in die einhundertzwei Zentimeter, die so gar kein typisches Mädchen sind trotz Zopf, Kettchen, Ringen oder Schleifchen – aber genau das macht sie aus. Das ist ihr Überraschungseffekt, ihr Zauber – ein großes wildes Herz. So einzigartig, wie jedes andere auch – nur vielleicht etwas lauter….

(ich bin zumindest schwer verliebt)

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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