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Kolumnen

Der SAW – Schulauswahlwahnsinn

 

Früher wars einfacher. Da gab es eindeutig weniger Auswahl und es war immer klar, in welche Schule man später gehen wird. Mit Brotbüchse und fliegenden Fahnen ist man fünf- oder sechsjährig bereits an „seiner“ Schule vorbeigesprungen und ich weiß, dass ich gern zur mittäglichen Pausenzeit mit meinen Großeltern einen kleinen Spaziergang unternommen habe, um mir schon mal die Nase an dem gusseisernen Tor plattzudrücken. Die Schule war ein faszinierender, abenteuerlicher Ort, auf den ich mich als Kindergartenkind unbändig freute. Und so war die alte Buche vor dem Gebäude eine gute alte Bekannte. Ich wusste, wo die Fahrradständer und der Lehrereingang waren. Ich hatte bereits den Spielplatz mit Augen erkundet und fragte mich, wie das Mittags-Essensgebäude wohl von innen aussah, wo man bei geöffneter Tür lediglich blassblaue Bodenfliesen ausmachen konnte. Alles stand fest und die großen Fragen waren eher: Wie sieht die Zuckertüte aus? Welche Farbe hat der Schulranzen? Und werden einen die anderen Kinder und die Lehrer leiden können.

 

 

Heute ist das anders und ich weiß noch nicht so recht, wohin ich mit meiner Tochter gehen soll, die inzwischen vehement nachfragt: „Mami, können wir mal zu meiner Schule fahren. Können wir schon mal gucken gehen?“

Wir haben scheinbar Auswahl – oder besser: Eltern möchten und können die Art der Schule bestimmen. Mit Einschränkungen allerdings, denn nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung. Die Kinderschar der potentiellen Erstklässler ist groß. So groß, dass man sich inzwischen in einem strengen Auswahl- und Bewerbungsverfahren wiederfindet. (Ehrlicherweise fand ich es mit dem Job im Vergleich gar nicht so schlimm und das hat schon einiges zu bedeuten…)

D. h. zuerst die schwierige Diskussion zu Hause, wo was am besten und irgendwie gut zu erreichen ist. Dann eine wunderbare Anmeldung in der Regelschule, um anschließend genau zu wissen, dass man das nicht will (…wobei, es gibt auch sehr schöne staatliche Schulen. Keine Frage. Wir kennen auch welche. Nur leider sind diese nicht unserem Wohnkreis zugehörig). Dann also umschauen, nachfragen, abwägen, um schließlich übersichtlich strukturierte Bewerbungsbögen diverser Schulen in den Händen zu halten. Ein Passfoto vom Kind muss her. Also noch schnell nach dem Kindergarten die Haare gebürstet und das Kind angewiesen, dass es jetzt und heute ausnahmsweise mal kein ich-mach-ein-lustiges-Gesicht-Bild werden soll und nein, auch keinen Schlafzimmerblick bitte. Es muss wenigstens in Ansätzen anständig aussehen. Wie das ist – anständig? Keine Ahnung. Aber stellt man sich beflissene Schuldirektorinnen und -direktoren nicht genauso vor? Irgendwie anständig, seriös, ordentlich und pflichtbewusst.

Egal – Foto aufkleben. Bewerbung abschicken und schön den Eingangstermin nicht verschlampern. Anschließend, juichhu, eine Elternabendeinladung und mittelschweres Entsetzen. Man/ich fand mich wieder. Ein Raum zum Bersten voll mit Eltern und Großeltern – angereichert mit ein paar Säuglingen und Kindern, die auch zu dunkler Abendzeit noch mit dabei sein durften – die auf Stühlen, Tischen, Fensterbänken und auf dem Boden saßen. Eine ähnlich große Menschenmenge, bestimmt von Aufregung, Erwartung und Hoffnung, erlebte ich wohl zum letzten Mal in der Uni beim Aushang der Prüfungsergebnisse. Aber jetzt sind aus den Studis von damals Mamas und Papas geworden, die alle – genau wie ich – Frau oder Herrn Zwerg gut aufgehoben wissen wollen. Was für ein Andrang und was für eine Enttäuschung, wenn nur eine Handvoll kleine Menschenkinder wirklich Chancen haben.

Ich erlaube mir, etwas frustriert zu sein.

Was da noch alles kommen wird? Andere Elternabende. Schulgespräche. Briefe… noch zehn Monate bis zur Schule und irgendwann endlich auch eine Antwort auf die Frage: „Mami, was ist denn meine Schule?“ Ich bin gespannt….

Ihre/Eure Henriette Schwarz

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