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Der Mann will Kinder, die Frau nicht…

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Ehrlich, schonungslos, verzweifelt – berichtet Thilo Mischke davon, wie sehr er sich danach sehnt, Vater zu werden. Alles passt, Studium hinter sich gebracht, gearbeitet, Geld verdient, Wohnung ist da, Essen ist da – einzig, die Frau, die dieses Abenteuer mit ihm angeht ist nicht vorhanden, denn seine Herzallerliebste will nicht.


Es ist alles da. Jetzt. Wirklich, es würde uns an nichts mangeln. Früher, als wir noch zur Schule gingen, war es ja dieser Mangel, den wir so sehr fürchteten. Wer nicht verhütet, der lebt schlecht, isst schlecht und ist gescheitert. Wohnt in den Randbezirken großer Städte mit einem Kind in grauen Windeln aus Stoff. „Doreen aus der 9b ist schwanger“, riefen die Freunde damals auf dem Schulhof. Und ich, ängstlicher Blick, dachte: arme Doreen.

Sie, die schwanger wurden, hatten merkwürdige Frisuren und trugen befremdliche Namen, hatten Kinder, die noch seltsamere Namen trugen. Viel zu früh. Im Studium, nein, keine Kinder, das passt jetzt nicht. Die Abschlüsse, die Frauen, die Möglichkeiten. Die Länder, die mit Rucksack und Kondom bereist wurden. Die Lieben, die heute, im Blick auf das gelebte Leben, keine Lieben waren, sondern Jahreszeiten. Die Studenten mit Kindern trugen ihre Unfähigkeit zu verhüten in Tücher gewickelt auf der Brust. Stillten in den Vorlesungen und waren Sonderlinge mit Augenringen. Nach dem Studium: erst mal arbeiten. Arbeiten. Arbeiten. Sparen. Weniger Reisen, weniger Jahreszeiten. Die Träume verschwanden im Nebel, und das Leben musste sortiert werden. Keine Spätzle mehr, dafür Geschäftsessen und nur noch das gute Fleisch von der Theke. „150 Gramm Lammzunge, bitte.“Augenringe haben wir jetzt auch, aber nur, weil wir nicht schlafen können. Weil wir an morgen denken. Daran, dass wir im Job vorankommen. Kinder, nein, das passt jetzt überhaupt nicht. Kinder kotzen auf Kleidung, Kinder sind krank und stecken an. Die anderen, die Kinder kriegen, die haben nichts. Sie kommen nicht weiter, sie haben keine Karriere, sondern nur: Kinder.

 

Der erste Kinderwunsch mit 29 Jahren

Ich war 29 Jahre alt, als ich zum ersten Mal ein Kind wollte. Und ich fühlte mich spät damit. Ich bin jetzt 36 Jahre alt und wünsche mir nichts mehr als ein Kind. Aber meine Freundin, Anja, sie will keins. Ich habe keine Argumente, sie davon zu überzeugen, kein Druckmittel. Ich kann sie sogar verstehen. Nur hilft es mir nicht weiter. In meinem Freundeskreis, sogar dem erweiterten, bin ich ein Sonderling. „Ich will so unbedingt ein Kind“, sage ich. Und bekomme mitleidige Blicke von fremden Frauen. „Das ist aber süß“, sagen sie dann und streicheln mir mit ihren Blicken über den Kopf. Die Männer, die schon Väter sind, schütteln erschöpft ihre Köpfe: „Warte noch, du kannst doch immer ein Kind haben. Leb noch ein bisschen.“ Aber ich will nicht warten. Ich will ein Kind. Jetzt.

Jetzt ist doch alles da. Wir beide arbeiten, oft auch zusammen, als Journalisten. Wir verdienen Geld, kaufen Schnittblumen, wir haben Tagesdecken und fürchten uns nicht vor dem Morgen, wohnen in einer großen Wohnung, die wir doch eigentlich angeschafft haben, um Kinder darin großzuziehen. Gemeinsam haben wir alle Kontinente gesehen, haben echte Abenteuer erlebt, wir haben keine Zeit verschwendet, sondern in den letzten sechs Jahren gelebt. Wir haben uns ausdauernd kennengelernt. Wir haben viele Gemeinsamkeiten und wenige Konflikte. Wir beide mögen Käfer und lesen viele Bücher. Sie kann Pflanzen bestimmen und kennt sich mit der Benennung von Gesteinen aus. Alles, was sie sagt, interessiert mich. Ich habe mich noch nie mit ihr gelangweilt.

„Du kannst dich doch nicht mal um dich selbst kümmern“, sagt meine Freundin und schaut mich liebevoll an dabei. Sie zeigt auf unseren Kühlschrank, in dem seit anderthalb Jahren eine Lache aus verschüttetem Öl Bläschen wirft. Sie zeigt auf die Steuerunterlagen, auf die Quittungen und auf meine Zähne, die gereinigt werden müssten. Erinnert mich an den Flusskrebs, den ich als Haustier hielt und vergessen habe. So lange, bis mir auffiel, dass sein Haus, das Aquarium, kein Wasser mehr hatte. Unter dem Ball aus Algen lag der skelettierte Krebs. Sie erinnert mich an die Gottesanbeterin, Gotti, die ich so mochte. Ich habe vergessen, sie zu füttern, also verhungerte Gotti. „Passiert das auch unserem Kind, vergisst du es?“, fragt Anja mich, und ich schüttle entrüstet den Kopf. „Nein, niemals“, sage ich. Ich lasse doch kein Kind verhungern. Oder?

 

Gibt es einen richtigen Zeitpunkt fürs Kinderkriegen?

Wann ist ein Mann zuverlässig genug, um ein Vater zu sein? Die Kinder, die gezeugt wurden in meinem Umfeld, entstanden meist zufällig, aus Nachlässigkeit. Weil die Männer dachten, Coitus interruptus reiche als Verhütung. Dumm? Ja, bestimmt. Aber dann wurden sie eben trotzdem gute Väter. Was also bezeugt die Bereitschaft, zuverlässig zu sein? Es scheint eine unüberwindbare Hürde.

Anja: Vielleicht war es früher die Scham, die Mütter nicht laut klagen ließ. Vielleicht aber waren wir auch einfach zu jung, um ihre Wut und Enttäuschung während des Kaffeeklatsches herauszuhören. Heute jedenfalls hören wir die Wut. Die ganze Zeit. Bei kaum einem Treffen mit den wenigen Müttern gleichen Alters, in kaum einem Facebook-Post oder Artikel geht es nicht darum, wie anstrengend das eigentlich ist, Mutter sein, wie unrealistisch die Idee, man wäre andauernd damit zufrieden, glücklich sogar, würde seinen Job nicht vermissen oder sein unbeschwertes Leben. Die Mütter von heute, sie sagen, es sei eine Erleichterung, dass sie nicht mehr so tun müssen, als sei ihre Familienwelt rosarot. Doch mir fehlt gerade jetzt die rosarote Brille. Ich fürchte, ich kann nicht mehr daran glauben, dass Muttersein schön ist, ohne für naiv gehalten zu werden, auch von mir selbst.

Meine Eltern bekamen mich, als meine Mutter gerade 21 wurde, mein Vater war nur fünf Jahre älter. „Einfach ein Kind machen. Nicht so viel darüber nachdenken“, sage ich zu Anja. Es ist das einzige Argument, das ich habe. Ich verweise auf meine Eltern, ihre Eltern. Die haben es doch auch geschafft. „Aber das war eine andere Zeit“, sagt Anja dann immer.

 

Mit dem Kind erwachsen werden

Was spricht dagegen, mit einem Kind erwachsen zu werden? Ist es egoistisch zu sagen, dass ich glaube, ein besserer Mensch zu werden, wenn ich ein Kind habe, um das ich mich kümmern muss? Ich werde schon lernen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen, wenn ich Vater werde. Ich werde das Öl aus dem Kühlschrank entfernen, weil es wichtig für die Milch ist, die gekühlt werden muss. Ich werde Arzttermine vereinbaren und Kindergärten heraussuchen.

Ist das Kind schlau oder doof? Wird es gehänselt, oder ist es beliebt? Ich will das Kind kennenlernen und mich darum kümmern, weil ich es lieben werde. Wir sind eine Generation, die keine Verantwortung mehr übernehmen muss. Gut ausgebildet, beweglich und ohne Sorgen. Nicht die Umstände gestalten unser Leben, sondern wir gestalten unser Umfeld. Ich bin davon überzeugt, dass Kinderkriegen der letzte Umstand ist, an den wir uns anpassen müssen. Meine Eltern, sie fürchteten Pershing-Raketen, wir fürchten Kinder.

Mir ist schon klar: „Regretting Motherhood“ ist zu Recht ein großes Thema. Heute folgen in Gesprächen mit Müttern, egal ob online oder persönlich, dem obligatorischen Halbsatz über das Glück der Familie viele weitere, die mit einem „Aber“ beginnen. Es sind diese ernüchternden Erzählungen über die Verantwortung, vor allem wenn die Frau sie allein trägt, die mich abschrecken. Was ist, wenn mir das auch widerfährt? Wenn Thilo das Kind nicht genug liebt? Und selbst wenn alles gut geht und wir gemeinsam Eltern sind: Was passiert, wenn mir zum ersten Mal bewusst wird, dass ich niemals wieder allein sein werde? Wie stark wird sich meine Persönlichkeit verändern? Natürlich, die Klagen der Mütter sind ein wichtiger Befreiungsschlag für uns Frauen, sie können der Anfang gesellschaftlicher Veränderung sein. Aber sie machen mir auch Angst. Und diese Angst wird umso größer, je öfter mein Blick auf den Ölfleck im Kühlschrank fällt, den Thilo seit Monaten so geflissentlich übersieht. Was ist, wenn ich am Ende doch alleine bin mit allem?

 

Linsenfrosch und Feuchtnäsling

Ich habe ein Wörterbuch, ein kleines, mit Tieren, die ich mir ausgedacht habe. Ich möchte meinem Kind, das vielleicht Ernst oder Linde heißt, vielleicht auch Remo oder Gerda, falsche Tiere beibringen. Wie mein Vater. Er brachte mir mit Absicht falsches Wissen bei, damit ich mich in der Schule blamiere. Es hat funktioniert. Und so habe ich viel Unnützes gelernt. Die Kröte, sie heißt Linsenfrosch, weil der Rücken aussieht wie Linsensuppe, der Hund, ihn nenne ich Feuchtnäsling. Ich will spielen. Mit einem Kind. Mit meinem Kind. Meine Freundin sagt, sie fände das auch schön. Aber es reicht ihr nicht.

Kinder bringen uns nicht nur Vernunft bei, sondern sie erinnern uns auch daran, was wir nicht mehr sind. Auch deswegen möchte ich eins. In meiner Vorstellung ist Kinderkriegen gleichzeitig das Zurückerobern der eigenen Kindlichkeit. Das Wiederentdecken. Vielleicht werden wir wunderlich, wenn wir älter sind, ohne Nachwuchs. Weil uns niemand mehr daran erinnert, was es bedeutet, Spaß zu fühlen. Facebook-Freunde, die Kinder haben, posten die Weisheiten ihrer Nachkömmlinge, posten das, was die kleinen Augen sehen, weil sie selbst blind geworden sind. Für die Einfachheiten des Lebens, Eiskugeln und Marienkäfer. Und ich stelle fest: Nicht nur die Jugendlichen, die damals in der Schule Mutter und Vater wurden, gaben ihren Kindern seltsame Namen, auch die Erwachsenen machen das.

Und dann ist da noch meine Arbeit als Dokumentarfilmerin. Der Job ist stressig, zeitaufwendig und manchmal gefährlich. Ich würde ihn mit Kind nicht mehr so wie bisher ausüben können. Weil es Menschen gibt, die Müttern das nicht zutrauen. Vielleicht aber auch, weil ich es mir dann selbst nicht mehr zutraue. Weil Sicherheit und Stabilität wichtiger werden, wenn ein Baby da ist. Weil ich dann gar nicht mehr wegwollen würde. Natürlich, Kinder geben einem etwas, wenn der Beruf es nicht mehr tut. Aber gleichen sie auch die Ungerechtigkeit aus, dass sich in der Regel noch immer die Mütter Lücken im Lebenslauf schaffen? Ja, auch ich könnte nach drei Monaten ins Arbeitsleben zurückkehren. Die DDR, das Land, aus dem Thilo und ich stammen, hat es vorgemacht. Mütter, die das geschafft haben oder auch heute noch schaffen müssen, beeindrucken mich. Aber was ist, wenn ich das nicht kann? Werde ich deshalb irgendwann sauer sein auf Thilo?
Ich will auf den Knien sitzen, im Spielzimmer, und aus Lego Raumschiffe basteln. Will auf dem Rücken liegen, in Brandenburg, und die Sterne erklären, das Universum. Will gemeinsam mit meiner Freundin und einem kleinen Wesen, das aus Liebe, Küssen und gespartem Geld entstanden ist, zeigen, woraus die Welt gemacht ist. Aus Pflanzen und Erde, will auf alles deuten, was es zu entdecken gibt. Ich will das gemeinsam mit meiner Freundin tun. Weil wir zu dritt noch mehr erleben können. Ich habe Angst, dass ich dafür zu alt werden könnte. Wenn das Kind 15 wird, bin ich 51. Wenn es 25 ist, bin ich 61. Wenn es 30 ist, bin ich vielleicht schon tot.

 

„Haben wir denn schon genug von uns beiden?“

Ich bin 36. Mein Vater ist 62. Er hat viel von mir, ich habe viel von ihm. Wie lange kann ich Neues entdecken, ohne altersstarr zu werden?

Natürlich mache ich mir Gedanken über das Alter. Ich hoffe, dass es kein Fehler ist, mir noch Zeit zu nehmen. Zeit, erwachsen zu werden und vor allem Zeit, allein zu sein. Ich habe keine Angst, im Kopf zu alt zu sein, wenn wir irgendwann ein Kind bekommen. Die größere Angst ist, für das Kind erwachsener sein zu müssen, als ich je sein wollte. Die Verantwortung zu tragen und abzufedern, dass der Partner das nicht tut. Weil er weniger Ängste hat oder sie besser ausblenden kann. Weil er mehr Annehmlichkeiten mit dem Kind sucht, als zu erziehen. Vielleicht müsste ich mich gegen überholte Weisheiten wehren: Kinder bräuchten im ersten Jahr sowieso viel mehr die Mutter als den Vater, so was. In öffentlichen Diskussionen, aber auch in Gesprächen mit Bekannten höre ich solche Sätze. Von einem Team, das füreinander einsteht, ist dagegen selten die Rede. Vaterschaft erinnert mich in der Theorie an die Zeit der Fahrschule. Im Zweifel wird der Lehrer der Wachsame, Vorausschauende und Strenge sein, der für einen bremst und Schlimmeres verhindert. Aber wer mag schon strenge Lehrer? Wird so womöglich auch die Liebe zwischen Thilo und mir ausgebremst? Es sind auch diese möglichen Verschiebungen und neuen Rollen innerhalb unserer Beziehung, die mich zum Grübeln bringen.

Und dann ist da noch die Liebe. „Ich habe noch nicht genug mit dir gespielt“, sagt Anja, wenn sie gegen das Kind argumentiert. „Ich will noch mehr Zeit mit dir“, sagt sie. „Haben wir denn schon genug von uns beiden?“, will sie wissen, wenn wir über Kinder sprechen. Wir machen das oft und ausdauernd. Sitzen auf langen Autobahnfahrten nebeneinander und stellen uns vor, wie das wäre, wenn wir Eltern wären. „Denkst du, es hört auf, dass wir miteinander Freude haben?“, frage ich sie. Dann schweigen wir mindestens zwei Autobahnausfahrten lang. „Vielleicht“, sagt sie irgendwann.

 

Männer flüchten sich in Hobbys, Frauen tragen die Last

Ich beobachte die Partnerschaften, in denen Kinder plötzlich Teil des Alltags sind. Und ich lerne aus ihnen. Die Männer, sie flüchten sich in Hobbys, die Frauen stöhnen schwer unter der Last der Erziehung. Die Beziehung tritt in den Hintergrund. Aber ich will das nicht. Ich will versuchen, dass alles anders wird. Möglicherweise ist das ein Vorteil der späten Elternschaft. Ich lerne aus den Fehlern anderer, aus den ganzen auf dem Weg zerbrochenen Beziehungen, die ich begleitet habe. Meine Freundin weiß, wie sehr es mich beschäftigt. Meine Freunde, die bis vor Kurzem ständig die unangenehme Frage gestellt haben, wann wir denn endlich unser Kind bekämen, fragen mittlerweile schon nicht mehr.

Müssen sie aber auch nicht. Ich weiß, dass ich Vater werden will. Aber ich kann warten, ich werde geduldig sein. Das habe ich gelernt. Und dann denke ich: Ja, ich werde es beruflich schwerer haben. Ich werde eine andere Person werden, aber meine Freundin auch. Wir werden schlaflose Nächte haben und streiten, wegen Babygeschrei, Zukunftssorgen und Öllachen im Kühlschrank. Aber zum Glück gehört zum Menschsein auch immer die Arroganz zu glauben, dass man selbst die Ausnahme ist. Dass wir es besser machen werden. Und wie es am Ende wirklich wird? Wir werden es herausfinden.


Zuerst veröffentlicht auf www.stern.de

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