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Der lange Weg zur Beikost oder ist es doch einfacher als man denkt?

Man macht sich Sorgen, tut und kocht und probiert. Bekommt so einiges wieder entgegen und ausgespuckt. Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld, aber irgendwann ist meist die kritische Phase, dem Kind etwas anderes als Milch schmackhaft zu machen, überwunden.

Ein Erfahrungsbericht unter dem Motto: Lächeln und Wischen


Ich muss immer wieder feststellen, dass ich mit zwei ausgesprochen leidenschaftlichen Essern gesegnet bin. Xaver bevorzugt natürlich mittlerweile süße und vermeindlich “kinderfreundliche” Gerichte, aber auch er ist immer noch recht unkompliziert. Und Quinn? Hat einen einzigen Zahn und isst alles. ALLES! Längst nicht mehr nur Beikost. Letztens hat sie mir eine rohe Zwiebel vom Burger geklaut und beherzt reingebissen. Auch scharfe Oliven, salzige Sardellen, Kapern, Essiggurken, Beeren, Brot, Kartoffeln, Fleisch, Fisch, Kimchi! Chili! Sie mag alles, probiert, entdeckt.

Das zu Beginn, denn wie der Start ins richtige Essen läuft, hat wahnsinnig viel mit dem Kind zu tun. Deshalb ist das ALLERWICHTIGSTE, diesen Weg zusammen zu gehen. Ihn am Kind und seinen Wünschen und Vorzügen zu orientieren. Und nicht zu versuchen, Dinge durchzusetzten, weil man sie selbst gut findet, oder “weil man das eben so macht”.

Food before One is just for fun

Denn genau das tun viele Eltern und ich verstehe eigentlich nicht so richtig, warum. Vielleicht weil manche Ärzte immer noch Druck machen, dass mit sechs Monaten aber nun wirklich die Karotte rein muss. Vielleicht weil es die Brei-Industrie tut. Vielleicht weil es Zeitgeist ist, das Thema essen ganz besonders zu feiern oder zu komplizieren. Unzählige Unverträglichkeiten gibt es plötzlich (das soll nicht heißen, dass viele nicht wirklich allergisch reagieren, aber eben nicht alle). Man ist heute Veganer, Vegetarier, Paleo, Super-Food und raw. Weizen ist böse und Kuhmilch auch. Dabei soll Essen doch vor allem Spaß machen. Und den Spaß am Essen, den sollten wir den Kindern in allererster Linie beibringen. Food before one is just for fun!

Natürlich steckt dahinter auch die urmenschliche Sorge, das Kind könnte verhungern. Vor allem bei Eltern von Frühchen beobachte ich das immer wieder und kann es so gut nachvollziehen. Ich sage immer: Beim Beikost-Start geht es erstmal nicht um Nährstoffe. Es heißt BEI-Kost weil sie zur Milch BEIgefüttert wird. Und was soll eine Pastinake dem Kind bieten, was nicht in der Muttermilch (oder Prenahrung) drin ist? Das ungewürzte Gemüse hat kaum Kalorien. Selbst der immer wieder thematisierte Eisenmangel ist eigentlich kein Thema, außer es gibt Grund dazu (z.B. wenn das Kind ständig schlapp, müde und blass ist, oder wenn die Mutter Eisenmangel hat….). Und auch dann würde man diesen mit einem Eisen-Präparat behandeln und sicher nicht mit einem Gläschen, in dem sich minimale Spuren von Fleisch befinden. Vegetarisch leben ist übrigens kein Problem, in der Regel werden dann genug Hülsenfrüchte gegessen, die das aufwiegen. Eine vegane Ernährung muss dagegen gut geplant werden, um kritische Nährstoffe wie B12 zu bekommen.

Ich bin mit beiden Kindern einen sehr entspannten, völlig unideologischen und einfachen Weg gegangen und entsprechend war das Thema Beikost bei uns nie ein wirklich großes Thema. Wir haben den Kindern einfach etwas zu Essen gegeben. So wie es passte und so wie sie das wollten. Hier wurde nie im Liegen oder vor dem Fernseher gefüttert. Beide haben zusätzlich Milch bekommen, erst Muttermilch, dann Pre. Die wurde dann langsam reduziert. Alles nach Gefühl und in Dosen. Es gibt für alles den richtigen Zeitpunkt. Und es gab auch bei uns immer Zeiten, in denen Essen verweigert wurde. Dann bekommen die Babys eben Milch. Manchmal ist beim Kind so viel anderes los (Zähne, O je ich wachse…) dass das Thema Essen in den Hintergrund gerät. Ich beobachte das auch bei meinem Großen noch heute. Er hat Phasen, in denen isst er fast nichts. Dann wieder ganz viel. Und wir versuchen immer ganz stark, uns davon nicht stressen zu lassen.

BLW oder Brei? Völlig egal – oder eben gemischt!

Während Katharina recht streng Baby lead Weaning gemacht hat, habe ich eine Mischform bevorzugt. Warum? Meine Kinder mochten Brei! Und wenn sie Brei mögen, warum dann nicht welchen füttern. Manche Kinder verschlucken sich einfach ständig, da macht Fingerfood wirklich keinen Spaß. Andere mögen nur den ganz feinpürierten Brei, warum sie dann mit Stückchen quälen? Ich habe doch manchmal den Eindruck, dass BLW mittlerweile auch ein bisschen zum Dogma geworden ist, à la “Bloß kein Brei!” Das halte ich für Quatsch. Wie gesagt, was das Baby mag. Die Kinder werden nicht glücklicher, intelligenter, bessere Esser, oder irgendwas anderes, wenn sie Fingerfood bekommen. Das Füttern ohne Brei ist lediglich der etwas natürlichere und einfachere Ansatz.

Einfacher? Ja, ich finde schon. Wie gesagt, hier gab es auch Brei. Nicht genau, wie “man das so macht” (erst Mittags Gemüse, dann nachmittags Obst Getreide, dann Abends Milchbrei, dann Mittags Fleich…. war mir alles viel zu streng. Warum diese ganzen Pläne Quatsch sind, steht übrigens hier), aber immer mal wieder. Zusätzlich haben beide sehr früh am Tisch mitgegessen. Und das war angenehm, weil man dem Kind keine Extra-Mahlzeit zubereiten musste! Außerdem lernen die Kinder, dass Essen SPASS macht, denn mit Essen experimentieren ist toll. Sie entdecken mehr Geschmäcker und auch, dass sie selbst spüren können, wann sie satt sind.

In letzter Zeit gab es einige blöde, schlecht recherchierte Artikel über BLW, in denen quasi stand, die Kinder würden zwangsläufig Mangelerscheinungen bekommen. Auch das ist absoluter Humbug. ABER eines muss ganz klar sein: ohne Milch geht es nicht. Beikost ist kein schneller Weg zum Abstillen. Egal, ob er mit Brei oder BLW passiert. Wer abstillen will, muss dann auf Pre umsteigen. Und wenn das Kind keine Pre verträgt, dann MUSS man zum Arzt, um Unverträglichkeiten abzuklären und eine alternative Nahrung zu finden. Das ist aber auch eigentlich das Einzige, worauf man achten muss.

Ach nein, okay, ein paar kleine Dinge gibt es auch noch zu beachten

  • Die Kinder sollten stabil sitzen können mit ein wenig Unterstützung im unteren Rücken (Quinn ist hier ein bisschen eine Ausnahme, sie sitzt noch nicht lange stabil, hatte aber so Lust auf Essen, dass wir sie schon vorher auf dem Schoß haben mitessen lassen) um beikostreif zu sein. Und sie sollten sich auch vom Rücken auf den Bauch drehen können, weil gleichzeitig die Zungenmotorik entsprechend reift.

  • Der Zungenstoßreflex sollte weg sein. Ergo: wenn man dem Baby Brei in den Mund schiebt, und es diesen sofort wieder rausdrückt, ist es noch nicht so weit.

  • Es gibt keinen exakten Zeitpunkt und keinen exakten Plan, wann und wie man den Kindern das Essen nahe bringt. Und dieser Prozess läuft auch nicht geradlinig. Wie ich das gemacht habe, siehe unten. So könnt ihr es auch probieren! Ihr könnt aber auch den klassischen Weg fahren, der geht ungefähr so:

    • Ab ca. 6 Monaten: gekochtes Gemüse, Kartoffeln, Obst, Fleisch, Fisch (ohne Gräten), Getreideflocken oder Getreidegrieß. Püriert oder gedünstet. Alles mit einem Schuss Fett (gutes Öl, aber auch mal Butter).

    • Ab ca. 8 Monaten: Alles wie oben, aber jetzt auch gerne unpüriert und roh. Dazu: Brot, Zwieback, Avocado, Banane, Gurke, Reis, Nudeln, Naturjoghurt.

    • Um den ersten Geburtstag herum: Mitessen am Familientisch. Am besten frisch, saisonal, nicht zu stark gewürzt und ausgewogen. Ein Baby am Tisch eignet sich super, um die eigene Ernährung ein bisschen gesünder umzustellen!

  • Es gibt nur wenige No-Gos im ersten Lebensjahr: Zucker, rohe Eier, Honig, Nüsse, Salz und Salat gehören dazu. Viele sagen auch kleine Beeren, aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Quinns Leibspeise sind seit ihrem 8. Lebensmonat Blaubeeren und sie hat sich kein einziges Mal daran verschluckt!

Überhaupt das Verschlucken: Tatsächlich ist es auch hier von Kind zu Kind verschieden, wie oft es sich verschluckt. Generell haben Babys aber den Würgreiz sehr viel weiter vorne als wir, das ist eine Schutzfunktion. Wenn sie würgen, ersticken sie nicht gleich, dennoch sollte man immer sofort handeln. Und: das Kind nie alleine essen lassen! Wenn es würgt, ist sofort Folgendes zu tun: Kind sofort aus dem Stuhl heben, kopfüber umdrehen und auf den Rücken klopfen. Das funktioniert in 99% der Fälle. Quinn hat sich übrigens sehr oft verschluckt, Xaver fast nie. Und: nach einem Würgeanfall hat sie immer sofort weitergegessen, das Ganze war für uns viel schlimmer als für sie.

Niemand muss seinem Kind Rohkost geben, wenn er große Angst hat, dass das Kind sich verschlucken könnte. Eine gute Möglichkeit ist es zum Beispiel, Apfelschnitzen kurz anzudünsten, dann werden sie schön weich.

Wie lief es also noch mal genau bei uns?

Quinn hat wie gesagt Beikost-Interesse gezeigt, lange bevor sie gut sitzen konnte. Dafür konnte sie schon perfekt greifen und sich Essen in den Mund stopfen. Trotzdem bekam sie – klassisch – erstmal eine pürierte Pastinake. Die fand sie so mittel. Sie war etwas später dran als der Bruder, aber sie saß von Anfang an bei uns am Tisch dabei und hat etwa ab dem 7. Monat immer irgendwas gemümmelt. Ein Stück Brot, eine gedünstete Karotte, eine Kartoffel, oder oder. In Südafrika hat sie dann so richtig losgelegt. Sie hat leidenschaftlich Avokado, Käse, ungesalzene Pommes und Fleisch gefuttert. Dort hatten wir auch erstmals das Erlebnis, dass wir ihr nach dem Essen (bei dem sie eben so ein bisschen mitgegessen hatte) noch eine Milch gemacht haben, in der Annahme, das Kind sei nicht satt. Sie hat alles wieder erbrochen, weil sie völlig überfüttert war und da haben wir dann mal gesehen, was dieses Kind alles isst! Von “homöopatischen Dosen” war sie schon weit entfernt. Sie aß richtig, richtig viel!

Dies auch als Hinweis. Wenn die Kinder noch gestillt werden, klappt das besser mit der “selbstbestimmten” Milchaufnahme, Quinn wurde zu diesem Zeitpunkt fast nicht mehr gestillt. An der Brust hätte sie wohl wirklich nur getrunken, was ihr gut tut. Aus der Flasche trinken die meisten eher mehr, und dann auch manchmal zu viel. Dramatisch ist das aber nicht, wir wussten dann einfach, dass wir ihr von jetzt an weniger Milch geben müssen.

Zum Durststillen gab es außerdem immer Wasser. Einfach Wasser. Aus der Schnabeltasse, aus der Nuckelflasche oder aus dem Becher. Alles fanden beide Kinder gut. Andere sind wählerischer, aber ich finde ja: auch mit Wasser muss man sich nicht stressen. In der Milch ist genug Flüssigkeit drin.

Was gab’s sonst am Familientisch? Was es halt so gibt. Brot, Nudeln, Kartoffeln, Fisch, Hülsenfrüchte, Obst. Eine Zeit lang haben wir darauf geachtet, unser Essen erst nachzusalzen, damit sie nicht so viel Salz bekommt, alle anderen Kräuter und Gewürze haben wir verwendet. Zum Frühstück gab es lange eingeweichtes Bircher-Müsli, Haferbrei, oder Babybrot (Butterbrot ohne Rinde und mit Obst-Gläschen als Marmelade). Abends auch mal Griesbrei. Wenn wir etwas gegessen haben, was gar nicht babyfreundlich war, haben wir ihre ein Gläschen gemacht. Quinn hatte ganz lange keinen einzigen Zahn und hat trotzdem alles klein bekommen. Sogar rohe Gurken und Paprika!

Heute mag sie kaum Brei mehr und will nur noch, was wir essen. Abends bekommt sie eine Flasche Pre, nachts, wenn es sein muss, stark verdünnte Reismilch. Sonst isst sie tatsächlich fast exakt das, was wir essen. Sie ist 13 Monate alt.

Wie gesagt: ich glaube das Wichtigste ist, das alles mit dem Kind zusammen zu machen. Hat es Interesse? Mag es Brei? Welches Gemüse schmeckt ihm? Mag es Fingerfood, wenn ja, was? Hat es Lust auf Fleisch? Verschluckt es sich schnell? Jedes Kind ist anders. Ich kenne viele, die im gesamten ersten Jahr so gut wie nichts essen wollten und nur auf Milch aus waren. Andere lechzen schon mit 5 Monaten nach Brei. Manche sind schon als Babys “picky”, sezieren ihr Essen und wählen sorgfältig aus. Andere essen einfach alles und reißen den Mund auf, wenn der Löffel in die Nähe kommt. Und viele hassen es, gefüttert zu werden!

Ich finde: Es gibt überhaupt keinen Grund, sich wegen dem Thema Beikost zu stressen.

In aller Regel fangen alle Kinder einfach irgendwann an zu essen. Ich zumindest habe noch nie von einem gehört, das das nicht getan hat.

Wenn man doch unsicher ist: Hebamme fragen! Viele Hebammen bieten Beikost-Beratung an und diese ist oft entspannter, als das was einem der Arzt erzählt. Man hat bis zum Ende der Stillzeit ein Anrecht auf die Hebamme und sie berät auch beim Abstillen, wenn man das möchte.

Und was braucht man?

Auch eine Frage, die ich immer wieder höre. Was muss ich denn jetzt kaufen? Wenig. Klar, es gibt absolut tolle Geräte, um Brei zu kochen. Die Klassiker kommen von Avent und von BabyCook. Aber ein Sieb zum Dünsten, ein Topf und eventuell ein Pürierstab tun es auch. Man kann tolle, selbsthaftende Schüsseln kaufen, sind wirklich praktisch, müssen aber nicht sein. (Mein Kind hatte außerdem nach zwei Tagen raus, wie sie die abbekommt). Ich persönlich kaufe nicht mal Kindergeschirr. Quinn isst meist aus Keramik bzw Porzellan. Warum? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Plastik- und Melamin-Geschirr viel eher zerdeppert wird. Ich will euch das jetzt nicht empfehlen, denn ich will nicht für kaputte, geliebte Schüsseln zuständig sein, aber bei uns hat es zwei Mal funktioniert. Man kann tolle fancy Löffel kaufen, oder einfach einen normalen Plastiklöffel nehmen. Man kann diese Ganzkörper-Latze von Ikea kaufen, oder den Lalatz – oder das Kind in der Windel essen lassen oder danach umziehen. Die Beikost-Zeit ist eine sehr putzintensive Zeit, so oder so. Anja sagt: Lächeln und Wischen ist die beste Einstellung und sie hat so recht!


Zuerst veröffentlicht auf littleyears.de

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