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Kolumnen

Der Jungfernflug

Jedes Jahr die gleiche schwere Frage: wohin nur im Urlaub? Klar, man möchte gern etwas anderes sehen, einfach mal neue Luft schnuppern, raus aus dem täglichen Rhythmus mit den immer gleichen Bildern, Gebäuden, Straßen.

Einfach mal anders und schön.

Dabei ist die Frage, was denn nun für alle Familienmitglieder schön sein könnte, gar nicht einfach zu beantworten. Das eine Kind wollte nur zu Oma (das wählten wir als Eltern wegen unentspannter Atmosphäre und nur notdürftigen Übernachtungsmöglichkeiten jedoch gleich wieder ab), das andere Kind wollte in den Schnee (nicht, dass es im letzten Winter bei unserem Versuch, ein paar Tage inmitten tiefer, weißer Pracht zu verbringen, wie am Spieß geschrien hatte und uns so zum vorzeitigen Abbruch trieb). Schnee fiel also aus – und ist irgendwie auch mitten im Sommer schwer zu bekommen. Dann standen noch so hübsche Fleckchen wie Skane, Toskana oder Masuren, aber letztendlich konnten wir den bittenden Blicken und Worten unseres großen Kindes nicht widerstehen. Es wollte doch auch endlich wie seine Freunde in den Urlaub fliegen.

Puh, davor hatte ich mich bis dato immer gesträubt, da es mir mit dem Auto soviel einfacher erschien. Die halbe Wohnung mit Klamotten, Spielsachen und dem Kühlschrankinhalt ins Auto verstauen (ok, in unserem Fall ein Bus, der diese umzugsähnlichen Urlaube ermöglicht), möglichst abends losfahren (in der Hoffnung, dass die Kinder irgendwann die Augen schließen) und bestenfalls am nächsten Morgen dort sein. Ankommen. Auspacken. Wohlfühlen.

Aber es sollte ein Flug sein und nach Abwägen von Kosten, Zeiten und Aufwand landeten wir, wie gefühlte achtzig Prozent der deutschen Bevölkerung, im westlichen Mittelmeer auf der siebtgrößten Insel: kurz Malle genannt. Der Flug ging ab Leipzig, die Flugzeiten waren recht flexibel und die zwei Stunden schienen uns für einen Flugtest überschaubar. In diesem Sinne: Que` bonito! Tengo muchas ganas. (oder so ähnlich, wir haben uns zumindest sehr auf den Urlaub gefreut)

Allein, die Aufregung der Kinder unterschätzen wir bei dem grandiosen Plan. Tage und Wochen vorher suchten sie schon Spielsachen und Kuscheltiere, Schmusedecken, Badesachen und sonstige Utensilien, die wir auf keinen Fall vergessen sollten, so dass ich besorgt auf den stetig anwachsenden Urlaubssachenberg schaute. Egal wie sehr wir uns bemühten, sie waren nicht zu beruhigen und ich erwischte mich beim Pflanzen gießen abends mitunter bei dem Gedanken: Das überstehst Du nicht. Valium? Gibt’s das eigentlich noch in der Apotheke? (Nein, natürlich nicht für die Kinder. Für mich!)

Der Tag rückte näher. Die Taschen waren fertig. Der Wecker auf 3:40 gestellt. Völlig unnötig zu erwähnen, dass am Vortag an Abendschlaf nicht zu denken war. Das Taxi kam und wir standen gefühlte Ewigkeiten schon auf der menschenleeren Straße mit zwei Sonnenhutkindern, die aufgeregt von einem Fuß auf den anderen sprangen und mit zwei Erwachsenen, die vor Erschöpfung und Müdigkeit gern die Augenlieder mit Tesa präpariert hätten. Aber es sind ja nur zwei Stunden, dachte ich. Wenn da vorher doch nicht noch das Boarding wäre, der Sicherheitscheck, Pulleralarm, großer Hunger, Langeweile und diese Stimmung, die sich zwischen Ecstasy und totaler Erschöpfung bewegte. Aber was solls: Que` bonito! Tengo muchas ganas.

Aber es zieht sich. Erst die Warteschlange inmitten von scherzenden, stimmungsaufhellenden Ballermanfreunden, dann die Erklärungen bei der Sicherheit, dass die Kinder jetzt leider nichts mehr trinken können und Mama das wegtun muss, Gürtel raus, Gürtel rein, Wasser kaufen, Pullern, Kinder, die über ihre Füße stolpern und sich die Nasen am Fester plattdrücken, dann Zustieg, Sitzplatzsuche, ein wenig fremdeln, weil der Nachbar unbekannt, gefolgt von Hunger und der sich stetig wiederholenden Frage: „Fliegen wir schon? Mama, fliegen wir? Jetzt fliegen wir aber, oder?“ und dann muss man sitzen bleiben, sitzen und aus dem Fenster gucken, nein, das Buch ist nicht spannend, „Meine-Mutter-schneidet-Speck“ irgendwann erschöpft und dann wieder pullern.

Schatz, das geht gerade nicht.

„Warum?“

Da ist besetzt.

„Aber ich muss ganz dingend.“

Ok, wir stellen uns schon davor, dann sind wir ganz fix.

„Mami, warum dauert das so lange?“

Endlich öffnet sich die Tür und wir sind dran. Zum Glück hat es das gute Kind ausgehalten.

„Mami, ist das die Toilette? Warum ist die denn so klein?“

Weil hier wenig Platz ist. Geh einfach rein, Mami wartet hier.

„Nein, ich geh nur mit Dir rein. Du sollst nicht draußen Warten.“

Quetsch, Würg, Schubs, Tür zu. Metallleiste im Rücken.

„Mami, ich glaub, ich kann nicht pullern. Hier ist alles so komisch.“

Doch, Du kannst. Denk einfach, Du sitzt zu Hause im Bad.

„Aber Mama…“

Unglaublich, aber wahr, man kommt an –  auch mit Kindern…. Möglicherweise ist man noch urlaubsreifer als vorher und möchte am liebsten in tagelangem Dornröschenschlaf hernieder sinken. Aber: Que` bonito! Tengo muchas ganas. Nur ungünstig, dass man auch wieder zurück muss.

Ok, wir sind geflogen, aber nächstes Jahr, lieber Bus, bist Du wieder dran.

Ich hoffe, Ihr hattet es schön!

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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