Home  »  Spezialthema   »   Das weibliche Becken und die Annahme, dass das Baby nicht durchpasst

Spezialthema

Das weibliche Becken und die Annahme, dass das Baby nicht durchpasst

Jede Frau ist anders. Jeder Körperbau anders. Das ist einem nicht nur in der Umkleidekabine klar, nein, das wird einem auch gerade in der Schwangerschaft oft mehr als deutlich gemacht. Da schüren Ärzte gern Angst, dass das Kind zu groß ist, zu schwer, zu dick und das weibliche Becken dementsprechend völlig unpassend und nicht gut proportioniert. Nun gut. Man hat als Frau nun einmal nur das eine Becken und diesen einen Körper. Was soll man also mitten in der Schwangerschaft dem Arzt erwidern? Natürlich macht man sich Sorgen und fortan dreht sich das Gedankenkarussell: Wird mein Baby durchpassen? Was, wenn nicht? Bin ich ungeeignet für mein Baby – so rein vom Körperbau her?

Da braucht es einfach einmal klare Worte: Mein ganz persönliches Reizthema, dass mich immer wieder zur Weißglut treibt. Vor allem wenn ich mit Frauen spreche und sie mir berichten, wie verunsichert sie von Ansagen, wie: „Da wird Ihr Kind niemals durchpassen!“ waren und immer noch sind. Sie zweifeln ihre Gebärfähigkeit an oder lassen, aus Angst und Unsicherheit heraus, gleich einen Kaiserschnitt machen. Nach dem Motto: Hat ja eh keinen Sinn bei mir… Aber warum werden so vielen Frauen „bauliche Mängel“ unterstellt? Sind so viele von uns Frauen wirklich so schlecht gebaut, oder aber hat der „Sachverständige“ etwa keine Ahnung?! Aber dazu später mehr – nun erstmal eine Geschichte, die anmutet, wie aus meiner blühenden Phantasie entsprungen, aber sie ist real und bei weitem kein Einzelfall!

Eine kleine Märchenstunde

baby_kleinkind_geburt_krankenhaus Es war einmal eine junge Mutter, die ihr erstes Kind gebären wollte – ein zartes, eher kleines Kindlein mit 3.150 g Gewicht und einer Größe von 51 cm. Die böse Stiefmutter hieß in diesem Fall: Zangengeburt mit Powerpressen, Dammschnitt und Kristeller-Griff… Die Vermutung eines Beckenmissverhältnisses stand im Raum. Die Moral von der Geschicht: ohne Zange geht es nicht… Nun wurde eben diese Mutter abermals schwanger. Das Ultraschallorakel prophezeite ihr Gewichtsschätzungen um etwa 3.600 g. Diese unerschütterliche Mutter wollte eine weitere vaginale Geburt „wagen“. Die Ärzte ließen sie gewähren. Sie versicherten ihr aber auch, dass bei ihrer „Vorgeschichte“ und dem wahrscheinlichen Beckenmissverhältnis auf jeden Fall eine geplante Sectio stattfinden würde, wenn auch nur der Hauch eines Verdachtes bestände, dass das ungeborene Kind 4.000 g oder mehr wiegen könnte. Solch ein „Riesenbaby“ wäre unmöglich bei ihrer „baulichen Ausstattung“ natürlich zu gebären: „Da wird ihr Kind niemals durchpassen!

Nun kam der Tag der Geburt: für alle unfassbar – an ein Wunder grenzend, gebar diese Frau ein Kind mit 4.450 g Geburtsgewicht – ebenfalls bei einer Größe von 51 cm – aus eigener Kraft! Ohne Zange, ohne angeleitetes Powerpressen, ohne Dammschnitt und ohne Kristeller-Griff. Wären wir jetzt im Mittelalter, wäre sie vermutlich als Hexe verbrannt worden…

Wie konnte das passieren? Können Becken wachsen? Wieso gibt es ein angebliches Beckenmissverhältnis bei der einen Geburt, das aber offensichtlich bei der anderen überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein scheint? Fragen über Fragen. Aber wirkliche Antworten um den Mythos des weiblichen Beckens zu lüften, bekommen die allermeisten Frauen nicht. Nur eine, häufig lieblos dahin geworfene, Diagnose. Punkt. Keine Erläuterungen, keine Erklärungen – nur einen angeblichen Fakt: ZU ENG – PASST NICHT. Viele wissen dabei gar nicht, wie das weibliche Becken aufgebaut ist und welche Veränderungen es während Schwangerschaft und Geburt durchläuft – wohl auch die meisten Ärzte nicht … Ansonsten kann ich mir viele ärztliche Aussagen einfach nicht mehr logisch erklären!

Warum das Becken keine Parklücke ist!

Ich kann mich des Eindrucks einfach nicht erwehren, dass viele Ärzte das weibliche Becken als eine Art Parklücke betrachten – mit vorgegeben Maßen, unveränderlich. Das ungeborene Kind wäre bei diesem bildlichen Vergleich wohl das Auto … Beim Auto weiß ich normalerweise allerdings, wie groß es ist – ich weiß, ob ich in einem Smart sitze, oder aber in einem VW-Bus. Dementsprechend suche ich eine passende Parklücke. Bei den vorgeburtlichen Gewichtsschätzungen per Ultraschall ist das hingegen immer so eine Sache… Abweichungen nach oben und nach unten können durchaus vorkommen und sind gar nicht mal so selten. Im Mittel weicht das geschätzte Gewicht um 350 bis 500 g vom tatsächlichen Geburtsgewicht ab, aber wie das Beispiel oben anschaulich darlegt: manchmal eben auch deutlich mehr!

Fehlschätzungen von einem Kilogramm und mehr sind keine Seltenheit.*1

anatomical-1295896_960_720Zudem hinkt auch der Vergleich von Becken zu Parklücke irgendwie: auch wenn wir uns manchmal wünschten, dass sich die parkenden Autos nur ein paar Zentimeter weiter nach außen schieben könnten, damit unser Auto doch noch in die Parklücke passen würde, so passiert es in der Realität nie. Das ist der entscheidende Unterschied zum Becken. Das hat eben keine festen Maße – sie sind veränderlich – anpassungsfähig! Eben ein genialer Clou der Natur! Ganz nach dem Motto: Was nicht passt, wir passend gemacht!


Faktencheck zum weiblichen Becken

Denn das weibliche Becken ist kein starrer Knochenring, sondern besteht vielmehr aus insgesamt sieben unterschiedlichen Segmenten, die durch Sehnen und anderes stabilisierendes Gewebe miteinander verbunden sind. Diese Verbindungsstellen werden durch das Hormon RELAXIN besonders stark kurz vor der Geburt aufgeweicht, so dass das Becken in der TIEFEN HOCKE optimalen Raum für das Baby schaffen kann. Aus Kulturen, wo regelmäßig in der tiefen Hocke gearbeitet und dann auch geboren wird, wissen wir, dass die Diagnose >>Kopf-Becken-Missverhältnis<< im Prinzip unbekannt ist.“*2

Also halten wir mal kurz inne und die Fakten fest: Das Becken hat keine festen Maße, die sich vorherbestimmen lassen! Es kann seine Größe variieren, da es eben NICHT aus einem festen Knochenring besteht, was eine weitverbreitete Fehlannahme ist. Auch Ärzte, die es eigentlich besser wissen müssten, erliegen dem Trugschluss viel zu oft! Hierzu schreibt Ina May Gaskin mehr als treffend:

{…}{Gegen das Vermessen des Beckens spricht}, dass sich die Beckenmaße verändern, je nachdem, welche Körperhaltung Sie gerade einnehmen. (Nebenbei gesagt, wissen das die meisten Ärzte nicht.) Eine der größten Schwachstellen {…} ist die Annahme, das Becken einer Frau habe eine konstante Größe und Form. Das wäre nur dann richtig, wenn das Becken ein fester Knochenring wäre.*3

Zudem ist es wirklich erstaunlich, dass die Diagnose „Beckenmissverhältnis“ in bestimmten Kulturkreisen offensichtlich keine so große oder eben gar keine Rolle spielt, ganz im Gegensatz zu hier in Deutschland… Wir machen es uns aber auch wirklich schwer, weil wir trotz aller gegenteiliger Studien, an der Geburtshaltung: Typ „verunglückter Käfer“ festhalten. Bequem für die Geburtshelfer – erschwerend für das Baby, dem wir damit keine Gefallen tun und damit auch uns als Gebärenden nicht!

RELAXIN – was ist das überhaupt?

Relaxin ist ein körpereigenes Hormon, das während einer normal verlaufenden Geburt in ausreichender Menge ausgeschüttet wird. Umgangssprachlich kann man es auch als „Weichmacher-Hormon“ bezeichnen. Es wirkt besonders auf die Beckenverbindungen und ermöglicht Gewebedehnungen, die weit über das normale Maß hinausgehen.
TIEFE HOCKE – wozu ist sie gut und welchen Einfluss hat sie auf das Becken?

Man muss sich bewusst machen, dass sich in dem Moment, wenn sich das Baby durch das Becken schiebt, das Steißbein und das Kreuzbein der Mutter ein Stück nach hinten schwingt – das gibt dem Kind zusätzlichen Raum, um durch das Becken zu kommen. Liegt die Frau allerdings auf dem Rücken oder befindet sich in einer halbsitzenden Position, lastet ihr Körpergewicht sowohl auf dem Steißbein als auch dem Kreuzbein und verhindert so die Bewegung dieser Knochen nach hinten. Was für die tiefe Hocke gilt, kann man auf alle aufrechten Gebärpositionen, wie knien, stehen oder eben sitzend auf dem Gebärhocker, übertragen! Wie sich das bildlich darstellt, könnt ihr hier genauer sehen:

Das zu schwere Kind und warum es doch hindurch passt!

Eins muss man sich hierbei verdeutlichen: Der kindliche Kopf ist und bleibt der größte Durchmesser, selbst bei einem sehr schweren Kind! Und der Kopf ist auch bei Kindern mit hohem oder sehr hohem Geburtsgewicht nicht nennenswert speckiger, als bei anderen Babys. Diese Kinder sind vornehmlich am Körper oder aber an den Extremitäten fülliger. Und sollte das Bäuchlein tatsächlich mal dicker sein, als der Kopf, dann schwabbelt sich der Speck schon durch das Becken, da er ja nicht so hart wie der Schädel und bis zu einem gewissen Grad knautschbar ist … Also keine Panik, wenn die doch häufig ungenaue Ultraschallschätzung des zu erwartenden Geburtsgewichtes sehr hoch ausfällt – es ist noch lange keine Kaiserschnittindikation, wie einige Ärzte den Frauen weismachen wollen! Auch fülligere Babys passen durchaus durch euer Becken!

Die Beckenpresse – oder warum die Zange nicht immer sein muss

Die Beckenpresse ist die schonendere Alternative zur Zangengeburt oder aber zur Saugglocke, bei der sowohl das Kind als auch die Mutter nicht ganz unerhebliche Verletzungen davon tragen können. Der Herzensmann kann davon ein Liedchen singen… Die dauerhaft verformte Schädelplatte – Einwölbung am oberen Hinterkopf – wird ihn immer an seine Geburt mit Hilfe von Zange und Saugglocke erinnern Und dabei gibt es eine so simple, wie effektive Alternative: die Beckenpresse. Dabei wird die Flexibilität und der Bewegungsspielraum des weiblichen Beckens genutzt. Wenn man aber eben nicht daran glaubt, dann bleiben so wundervolle Methoden vielen Frauen und Kindern verwehrt, was wirklich schade ist. Die Methode funktioniert folgendermaßen: Man übt Druck auf den oberen Beckenkamm aus, während die Frau presst. Durch den von außen ausgeübten Druck, werden die Hüftknochen oben zusammengeschoben, während sie sich am unteren Ende des Beckens öffnen.

Es wird zusätzlicher Platz geschaffen, so dass auch schwierige Geburtslagen möglich sind, wie z.B. die Stirnlage, die normalerweise einen Kaiserschnitt erfordern würde. Also es lohnt sich über diese einfache Methode näher nachzudenken, die lediglich die hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des weiblichen Beckens ausnutzt!

Ein Hoch auf das weibliche Becken, das so viel mehr kann, als man ihm landläufig zutraut… Also traut eurem Becken – es biegt das/sich schon hin.*4

baby_smile_laecheln


Quellen

*1 Schmid, Sarah: Alleingeburt – Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie; Salzburg, 2014, S. 84
*2 Bartig-Prang, Tatje: Autogene Geburt, Mit Hypnobirthing selbstbestimmt gebären, Stuttgart, 2016, S. 37
*3 Gaskin, Ina May: Die selbstbestimmte Geburt. Handbuch für werdende Eltern mit Erfahrungsberichten, München 2015, 10. Aufl., S.199/200
*4 motherbirthblog)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.