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Das Horrorpferd

 

Einst haben wir Urlaub auf dem Bauernhof gemacht, weil ich dachte, für das Kind – damals 2 Jahre alt – wäre es bestimmt eine schöne und spannende Erfahrung. Es gab Hühner, die frei umherliefen und begeistert betrachtet wurden. Allerdings nur, bis der garstige Hahn ankam und die Damen vehement bedrängte. Es gab kleine Katzenbabys, die wirklich zu niedlich waren und mein Mutterherz dermaßen zum Schmelzen brachten, dass fast eines den Weg mit nach Hause gefunden hätte. Es gab zwei Esel und sieben Schweine, wobei das kleine Menschenkind zwar gern die Küchenabfälle mit mir zu ihnen brachte, sich dann aber erschrocken hinter mir versteckte. Schweine können nämlich sehr laut und rabiat sein sobald ein wenig Futter im Spiel ist. Also flugs, raus mit den Fingern aus dem Zaun.

Aber mit Abstand am besten kam dann doch wirklich das große hölzerne Schaukelpferd in unserer Unterkunft an (nicht, dass man das auch ohne Bauernhof hätte haben können, aber sei es drum.) Das Kind schaukelte gleich früh nach dem Aufstehen und auch kurz vor dem Bett brauchte es eine kleine abschließende Runde auf dem Holztier, das einen alten Besen zum Schweif hatte. Zwischendurch wurde es liebevoll mit Blümchen und Wolle geschmückt und nach einer Woche hatte ich die Idee, dass so ein Pferd eine gute großelterliche Weihnachtsinvestition sein könnte. Ich wusste, dass es gefiel, es passte noch in das Kinderzimmer und im Vergleich zu anderen Präsenten erschien es mir hilfreich, wertvoll und akzeptabel. Also habe ich losgewünscht…

Doch nicht immer gehen Wünsche in Erfüllung, zumindest nicht so wie man es erwartet, weshalb uns in weihnachtlicher Besuchs- und Baumzeit ein riesiges Paket erwartete, was kaum durch die Tür passte. Die Großmutter saß auf der Couch und lächelte. Das Kind sprang aufgeregt um diesen Riesenberg von Pappe herum und ich saß (noch) erwartungsvoll daneben. Endlich würde das geliebte Schaukeltier bei uns Einzug halten. Inzwischen waren drei Monate vergangen und das Kind hatte immer wieder sehnsuchtsvoll nach eben jenem gefragt.

Aber: Überraschung!

Stattdessen befand sich plötzlich ein riesengroßes schwarzes Plüschpony in meinem Wohnzimmer. Juchu, mit Knopf im Ohr, so dass es auch noch endlos wiehern und schnauben konnte. Kein Fortbewegen möglich, kein Schaukeln. Dafür viel Geräusch und eine zusätzliche Putzbox mit Hufauskratzer (obwohl das Tier natürlich gar keine Hufe hatte. „Mami, was mach ich damit?“ „Mein Schatz, das weiß ich auch nicht, wir legen es erst einmal zur Seite.“) und einem Kamm für Mähne und Schweif.

Und damit nahm das Dilemma seinen Lauf. Denn das falsche Pferd hat intensiven Haarausfalls, der seit nunmehr drei Jahren mit gleichbleibender Intensität anhält.
Dabei war es bereits beim Frisör und die Massen an mattem, langem, ziependem Haar wurden bereits um die Hälfte reduziert. Mehr war dem Kinde nicht zuzumuten, dass auf keinen Fall ein Pferd mit Glatze wollte. Trotzdem, die haarige Pracht fällt nicht nur beim Kämen, auch mit Zöpfen, beim Streicheln und verteilt sich dank leisem Windhauch hinterlistig in allen Räumen.

Ich finde Haare. Einfach immer. Überall.

Da gibt es doch bestimmt irgendeinen Qualitätsstandard, der das regelt, oder? Das ist doch nicht Kinder- und Mamafreundlich. Kann man das reklamieren? Oder vielleicht gebe ich es einfach unbemerkt in die Müllabfuhr. Nein, geht natürlich nicht, denn die Liebe ist groß und das nachfolgende Drama vorhersehbar. Also lebe ich auch weiter mit diesen schrecklich künstlichen Haaren, die inzwischen fester Bestandteil unsers Zuhauses geworden sind und denke beim nächsten Geschenke-Oma-Wunsch intensiv nach… damit uns weiterer Horror erspart bleibt.

Aber ja, Schenken ist schön!

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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