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Kolumnen

Das geliebte Kind

 

Ein Hoch auf die Kinder! Gratulation! Schön, dass Ihr da seid! …auch wenn Ihr gestern wieder nicht ins Bett wolltet und heute morgen hundemüde auf der kleinen Bank im Bad gesessen habt. Ich hab Euch lieb, bin immer noch ein bissel sauer wegen gestern und versuche zu Eurem Ehrentag einen Perspektivwechsel.

Ich, vor über dreißig Jahren und ja, ich gebe es zu, die Sache mit dem Schlafen war nicht so einfach. Aber es gab auch wahnsinnig viele gute Gründe, um es noch nicht zu tun. Schlafen war öde, langweilig.  Damals wohnten wir in einer riesigen Altbauwohnung mitten in der Innenstadt. Ich hatte im Kinderzimmer drei große Fenster mit tiefen Fensterbrettern, so dass man sich bequem reinsetzen und auf die Straße schauen konnte. Unten gab es immer was zu sehen. Nebenan war eine kleine Imbissinsel, die noch spät geöffnet hatte. Bier, Brause, Bockwurst und Bratwurst gab es und immer auch eine Anzahl abendlicher Besucher, die juchzend, schwankend, stänkernd oder mitunter auch brechend am Hochbeet standen. Und wenn es da zu ruhig war, schaute bestimmt die Frau auf der anderen Straßenseite aus dem Fenster, die ich nicht mochte. Sie schaute böse und grüßte nie zurück egal wie nett ich war. Außerdem war sie die Mutter eines doofen Jungen, der mich immer ärgerte und… sie hatten eine Schaukel in der Wohnung. Ich konnte sie durch das geöffnete Fenster sehen und fand es schrecklich ungerecht, wie so ein doofer Junger eine Schaukel haben konnte, wo ich mir doch sehnlichst eine wünschte. Irgendwann war ich so wütend, dass ich der Frau mit den Spaghettihaaren die Zunge heraus gestreckt habe. Prompt klingelte sie bei uns und verpetze mich. Ich glaube, meine Ausrede, dass ich mir nur die Lippen geleckt hatte, war im Nachhinein betrachtet, wenig glaubwürdig, aber einen Versuch war es wert.

Gab es keine Imbissbesucher und keine Nachbarin, die meine Aufmerksamkeit forderten, musste ich bestimmt noch einmal nach Hamster Ingo in der Küche sehen (Achtung, nachtaktiv, da hat man immer einen guten Vorwand, warum man dem Ingo ausgerechnet vor dem Schlafen noch dringend etwas erzählen muss.) Und wenn ich schon in der Küche war, hatte ich Durst. Selbstverständlich muss man nach dem Trinken noch einmal Pullern, und schon gab es wieder einen guten Grund aus dem Kinderzimmer zu schleichen. (Allerdings knarrten diese verdammten Dielen, egal wie sehr ich auf Zehenspitzen um die altbekannten Knarzstellen schlich und nicht selten ertappte mich meine Mutter im Flur.) Leider war die Sache mit dem Bad damals nicht so einfach. Wir hatten zwar in der großen Wohnküche Waschbecken, Dusche und Waschmaschine, aber das dumme Klo war draußen, außerhalb der Wohnung in einem extra Raum neben dem Treppenaufgang. Es war das einzige im Haus und wenn man Pech hatte, musste man warten. Der Kloraum war kalt mit einer zementierten Badewannenumrandung (nur ohne Badewanne). Das Fenster ging in den Kohlenhof und oft war allerlei Spinnengetier an der Wand.

Als Kind habe ich mich schrecklich gefürchtet. Am Tage bettelte ich meistens Hausbewohner an, mit mir zusammen aus Klo zu gehen oder zumindest an der Tür zu warten. Abends, wenn ich ja eigentlich schon schlief, ging das natürlich nicht. Also machte ich die Wohnungstür und die Klotür weit auf, machte das Licht an und stürzte förmlich auf die Klobrille, denn dieses verfluchte Licht ging einfach alleine wieder aus, ich musste es in Bestzeit wieder hinein in die Wohnung schaffen. Erschwerend kam hinzu, dass ich viele Jahre Angst vor der Klospülung hatte. Ich verstand einfach nicht, warum es so schrecklich laut ist, wenn man an der Strippe zieht und irgendwoher hatte ich die Idee, dass hoch droben im Spülkasten ein Monster wohnt. Ach, und unter mir in der kleinen Wasserpfütze lauerten Krokodile. Keine Ahnung, woher ich das hatte. Ganz wirklich und wirklich eklig war eher, dass aus dem Klo manchmal Ratten auftauchten, die dann schnell wieder runtergespült werden mussten. (Ratten waren eigentlich ganz niedlich, wie mein Hamster Ingo nur mit langem Schwanz. Warum man die runterspülen sollte oder warum meine Mutter sie mit dem Besen von unserem Abtreter scheuchte, verstand ich nicht.) Dass ich bei diesen abendlichen über-den-Flur-Ausflügen leise wie ein Indianer war und schnell wie der Blitz, bildete ich mir zwar ein, aber wenn ich das mit den beiden jungen Damen heute vergleiche, war ich wohl auch eher ein galoppierender Elefant mit nackten Füßen.

Endlich in meinem Zimmer angekommen, war es das Zimmer selbst, das mich am Schlafen hinderte. Es war groß, richtig groß (als ich später fragt, maß es um die fünfundzwanzig Quadratmeter) und beherbergte ein Bett, einen Nachtschrank, eine große rote Ausziehcouch mit Tisch, einen Schreibtisch, zwei hohe Regale und eine Unmenge an Schiebetürenschränken, wo unser ganzer Hausrat untergebracht war und die so tief waren, dass sich selbst meine Eltern darin verstecken konnten. Ein Geräusch und ich erwartete den Bummelluchs. Ein Schatten von der Straßenlaterne vor dem Fenster und er kam.  Wie sollte ich da denn schlafen? Am Morgen war ich müde (so wie meine beiden Grazien heute). Ich saß auf der roten Couch und schlief beim Anziehen wieder ein. Auch beim Zähneputzen fielen mir die Augen wieder zu. (Übrigens ein Zustand, der mich noch bis zum Abitur verfolgte. Wir hatten eine Toilette neben dem Waschbecken und man konnte sich im Sitzen Zähne putzen. War es zu leise, dauerte es zu lange, lag ich mit dem Kopf an der Wand und war schon wieder ins Traumland entschwunden.) Das Marmeladenbrot war eine Tortur und Kauen schrecklich anstrengend. Bis heute bin ich kein früher Frühstücker. Irgendwie dauert alles bis es bei mir erwacht – selbst der Hunger. Frühe Vögel können mich mal. Ist das erblich? Nein, das leider nicht, sonst würden die Damen bestimmt am Wochenende ein wenig länger im Bett verweilen. Und mit dem Abendprozedere? Nun ja, da sind jetzt die Erinnerungen wieder frisch und ich gestehe, ich war keinen Deut besser…

Auf einen schönen Tag und ein wunderbares Wochenende!

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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