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Die Brust oder die unglaublichen Veränderungen von Mamma (lat.)

Es gibt kleine und große Brüste, pralle und schlaffe, manche stehen wie eine Eins unmittelbar neben der Achsel und andere sagen fast dem Bauchnabel „Hallo“. Alles ist möglich und die Natur, oder besser das Fett- und Bindegewebe, ist zu einer Fülle von Formen und Größen fähig.

Letztens stand ich ungeduldig an der Kasse im Supermarkt als ich neben Brot, Butter und Aufschnitt eine noch unruhigere junge Frau entdeckte. Das Baby schlief friedlich im Kinderwagen, die Kassiererin bummelte,  bei der frischen Mama verzog sich das Gesicht schmerzlich und handtellergroße Feuchtstellen wurden an ihrer Brust sichtbar. Die gleiche Beobachtung ein paar Jahre vorher und ich hätte mich gewundert. Wahrscheinlich wäre ich sogar irritiert gewesen.  Denn nichts, wirklich nichts, bereitet Frau auf die unglaublichen Veränderungen vor, die so ein Körper durchleben kann. Und da es jetzt zu viel wäre, bei der dicken Elefantenzehe während der Schwangerschaft anzufangen und beim Haarausfall danach aufzuhören, bleiben wir doch einfach bei der Brust.

Irgendwann, meist zwischen elf und dreizehn Jahren, beginnt sie zu wachsen. Ich war damals wenig begeistert – mussten die beiden Teile doch fortan eingepackt werden. Sie störten erheblich beim Rennen oder Springen, und auch solch Bemerkungen in pubertär dünnhäutigen Zeiten wie: „Was hast`n Du da? Hat dich die Wespe gleich zweimal gestochen?“ waren wenig hilfreich.

Doch irgendwann (als sich das andere Geschlecht zum ersten Mal den Kopf verrenkt hatte und das im Gegensatz zu mir selbst ganz ansprechend fand) arrangierte ich mich damit. Wie steht so schön geschrieben?

„Die Brust und ihr Anblick stellen einen wichtigen erotischen Reiz dar… mit dem Dekolleté kann eine Frau ihre erotische Ausstrahlung bewusst betonen.“

Nun,  wenn es so sein soll… Dann hat man also Brüste, versucht jene hübsch einzupacken, lernt, damit umzugehen und wählt nach Lust, Laune und Gelegenheit die Tiefe des Halsausschnitts. Soweit so gut. Das Leben geht weiter. Und dann, irgendwann, wird man schwanger. Natürlich kann man überall lesen, dass es Veränderungen geben wird. Dass die beiden Teile, die ja primär zum Stillen da sind, sich langfristig darauf vorbereiten. Dass der veränderte Hormonspiegel die Brust größer, praller, und schmerzempfindlicher macht. Aber nirgends steht, dass man sich innerhalb kürzester Zeit wie Dolly Buster fühlt.  Riesige Cantaloupe-Melonen mit Radkappen-großen Brustwarzen, die sich wie kleine Leuchttürme durch Shirt, Bluse und Pullover drücken. Die Adern in den Brüsten zeichnen sich immer deutlicher ab und erinnern an Horrorfilmsequenzen. Dazu laufen sie auch noch öllig aus (die Montgomery-Drüsen sind schuld, die mit der Substanz alles schön geschmeidig halten sollen; fast wie bei einem gut geschmierten Gartentor). Unabhängig, ob das der Mann der Wahl sexy oder erschreckend findet, es ist erstaunlich zu welchen Ausmaßen eine Brust fähig ist. Erstaunlich ist es auch, wie es sich nach der Ankunft des kleinen Menschenkindes anfühlt. Die Brust wird warm, alles kribbelt und eine Art Eigenleben beginnt mit dem ersten Milcheinschuss.

Frau erinnert sich nicht mehr an die vergangenen Zeiten, wo das Dekolleté Anreiz und Spiel zu gleich war. Meist erinnert auch nichts mehr an weiße Spitze oder schwarzen Satin. Der Still-BH hält Einzug in die zumeist immer noch eingeschränkte Garderobe. Der muss einfach nur gut sitzen und praktische Ein- und Ausgänge haben. Und wenn alles flutscht (was es in ganz vielen Fällen leider nicht tut) sind die Brüste eine Art Snackbox, eine laufende Selbstbedienungstheke, die sich in einem bestimmten Rhythmus wieder füllt und dann abgeräumt werden muss. Verstreicht mehr Zeit, ist einfach zu viel produziert oder drückt es, spritzt, tröpfelt, läuft die mütterliche Brust ohne Zustimmung ihrer Trägerin einfach aus.  Bei der Dame an der Kasse, die sich gerade zu allerlei Grimassen des Schmerzes verleiten lies, wird das der Fall gewesen sein.

Aber der Schmerz gehört offensichtlich dazu. (Übrigens stand auch davon nichts in der Literatur meines Vertrauens. Lediglich von einem Ziehen und einer gewissen Eingewöhnungsphase war die Rede.) Ich weiß noch, wie in den ersten Tagen der klitzekleine Babymund suchte und dann gnadenlos zuschnappte. Diese wohl duftenden 4000g fühlten sich eher wie ein kleiner Piranha an. Ich rang nach Luft, Tränen stiegen in die Augen und plötzlich verstand ich, warum sich in meiner „Baby Welcome“ Tasche sogenannte Stillhütchen und Wundcreme für mich befanden. Arme, arme Brust. Das ist jetzt also Dein Job, dachte ich.

Und nach getaner Arbeit, wenn das Menschenkind dick, rund oder schlicht und ergreifend groß geworden ist, bekommt man sie wieder. Sie waren zwar faktisch nie weg, die Brüste, aber sie gehörten doch mehr dem Nachwuchs als einem selbst. Man hat sich keine Gedanken zur Tiefe des Ausschnitts gemacht und nach meiner Recherche sehen die wenigsten weiblichen Wesen  eine tropfende BH-Füllung als erotische Zone an. Aber es geht vorbei. Dann dürfen sie wieder reizen… „Lieber für gewisse Stunden als für ungewisse“

In diesem Sinne, auf das Frau-sein

Ihre Sabine Henriette Schwarz

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