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Familie und Leben

Bitte etwas mehr Vernachlässigung

So oder so ähnlich könnte man es zusammen fassen, denn Gugenbühl, der als Psychotherapeut in der Schweiz lebt und arbeitet, hat in seiner Praxis immer wieder mit Familien zu tun, die vor lauter gesellschaftlichem Druck nicht mehr wissen wohin. Auch wenn sein Buch „Für mein Kind nur das Beste“, gestaltet mit modellhaftem Goldmariechen in Fechtmontur, anderes vermuten lässt. Aber schon der Nachsatz: Wie wir unseren Kindern die Kindheit rauben macht klar, dass es hier nicht um Vorzeigekinder und Intelligenzförderung geht. Stattdessen sieht Gugenbühl vielmehr den gesellschaftlichen Druck unter dem Eltern stehen und die Angst, nicht genug den Kindern mitgeben zu können…. Nicht genug motorische Fähigkeiten, nicht genug Auslandserfahrung, nicht genug Fremdsprachen, nicht genug musikalische Erziehung. Denn alles scheinbar in dieser auf Leistung und Erfolg ausgerichteten Umgebung notwendig, um überhaupt bestehen zu können. Aber Kinder sind nun einmal keine Trichter für Wissen, die man endlos befüllen kann.
 
Der Psychotherapeut plädiert für eine chaotische Kindheit und Jugend. Es braucht Freiraum zum Austoben, Spielen und Ausprobieren. Man muss mal über die Stränge schlagen und sich Herumtreiben. Er nennt diese wichtige Zeit, um sich selbst zu finden und zu erfinden auch eine Zeit der „wohlwollenden Vernachlässigung“. Einfach machen – ohne Kontrolle und Verbote. Kein Tagesplan nach Vorschrift.
 
„Jugendliche wollen sich nicht mehr die Zukunft von den Erwachsenen erklären lassen, sondern sich selbständig mit ihr befassen“, schreibt Gugenbühl. In vielen Familien herrscht eine Art: Good-will-Diktator mit GPS-Ortung und Videoüberwachung.
 
Aber: dieser Druck die Kinder zu fördern und zu überfordern ist natürlich nur für einen Teil der Eltern zutreffend. Noch immer ist es wesentlich, ob Kinder in einer Akademikerfamilie aufwachsen oder nicht. Denn für einen Großteil deutscher Familien ist es eher wichtig, die Miete zu bezahlen, Essen auf den Tisch zu bringen und den Tag mit Kind abzusichern. D.h. aber auch, die Schere zwischen den Kindern wird immer weiter auseinander gehen. Chancengleichheit Fehlanzeige. Denn chaotische Vernachlässigung ist nur für einen Bruchteil der deutschen Kinder gewünscht. Die 21%, die dauerhaft in Armut leben, würden sicher gern mehr Aufmerksamkeit und Förderung erfahren.
 
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