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Kolumnen

Bedingungslos

16:10 Uhr, ich betrete den Garten der Kita und es schreit von hinten rechts: „Meeeeeine Maaaami!“, gleichzeitig rennen und stolpern die kleinen Beine los und das ganz Bündel wirft sich übermütig, ungebremst in meine Arme.

02:40 Uhr, durch die schlaftrunkene Dunkelheit höre ich erst leise, dann immer vehementer „Mami? Mami? Meine Mami!!!!“ Ich taumele ins Kinderzimmer. Der kleine Mensch sitzt da, die Augen noch geschlossen, aber die Arme steil wie zwei kleine Kerzenleuchter in die Luft gereckt. Ich nehme sie auf den Arm. Das Schluchzen verebbt. Eine kleine Rotznase liegt an meinem Hals und kurz darauf höre ich schon wieder ein gleichmäßiges Röcheln an meinem Ohr. Ich lege das Menschenkind zurück ins Bettchen und schlurfe zurück.

6:20 Uhr „Mami??? Mami?? Maaaaami!“ Ich gehe wieder hinein. Ziehe die Vorhänge zurück. Das große Kind kommt auch hinein, drückt mich und das Kleine steht wie ein Boxer daneben in seinem Bettchen, stellt unmissverständlich klar: „Das ist meine Mami“ (Beleidigtes Gesicht, sehr bestimmende Tonlage, Kopf leicht schief).

Mein großes Kind ist darauf tief bestürzt, das Lächeln wie weggeblasen: „Das ist nicht nur Deine Mami. Das ist auch meine Mami. Ich war zuerst da. Stimmts Mami? Zuerst warst Du nur meine Mami?“

Stimmt – ich atme tief und stelle das fest, was vorher unvorstellbar war: Ich bin schrecklich gern Mami.

bedingungslosKeine Liebe auf dieser Welt, kein Augenaufschlag des Herzallerliebsten, keine zärtliche Berührung ist mit dieser Art von Liebe vergleichbar. Die Liebe der Zwerge ist so echt, bedingungslos, kompromisslos und grenzenlos, dass es mir mitunter weh tut. Wenn man vorher nicht besonders Liebe-verwöhnt war, muss man sich fast ein wenig daran gewöhnen. Und auch heute rührt es mich noch. In etwas sensiblen Momenten muss ich tief Luft holen, sie an mich drücken und zu Boden knutschen.

Fast hätte ich sie nicht gehabt. Jetzt ist allein der Gedanke daran schon unerträglich. Aber damals war das Leben kein Märchen. Erst fehlte der Wunsch und die Vorstellung (und Kinder sollte man haben wollen – zumindest meiner Meinung nach. Es ist nichts, was man mal so nebenbei entscheidet unter dem Motto: Das wird schon…) Dann kam kein Prinz in goldener Rüstung, der unter meinem Balkon hielt (und eine schlechte Alternative wollte ich nicht). Und zu guter Letzt, als Wunsch und Prinz beieinander waren, mochte die Natur nicht. Übrigens ein Fakt, der mir vorher nie bewusst war. Je mehr man will und je mehr man sich bemüht, umso eher scheint die Natur den „Stinkefinger“ zu zeigen (Ja, ich weiß, Stress ist schlecht für die Zeugung von Königskindern. Aber das man sooo geduldig sein muss, war nicht einkalkuliert…)

Und jetzt? Jetzt ist ein Tag ohne sie schwer vorstellbar – haben sich mit ihnen doch auch die anderen lebens- und alltagsfüllende Elemente und Themen um gefühlte Lichtjahre verschoben. Man liebt, wie man nie zuvor geliebt hat und man wird geliebt. Egal ob der Tag ein Volldesaster war, egal ob man zu Hause gerade die Wäsche aufhängt oder die Schuhe putzt, egal ob man gerade unterwegs ist.

Sie wollen einfach bei Dir sein, sie belagern einen förmlich. Sie wollen alles erlebte – das Schöne, das Traurige, das Spannende, das Schmerzhafte, das scheinbar völlig Belanglose – mit Dir teilen, und oft steht die Schnute keine drei Sekunden still. Nimm mich wahr! Nichts ist schlimmer als durchsichtig zu sein. Deshalb kommen sie auch aller fünf Minuten (waren es überhaupt fünf?), um zu zeigen, was sie gerade machen, wie gut sie hüpfen, malen, bauen, singen, drehen oder husten können. Sie sind wissbegierig, wollen dazu gehören und verstehen, was Du tust und warum Du es tust. Und ob man es will oder nicht als Mama und Papa ist man das große Vorbild – später will der Zwerg so sein wie Du und nicht selten kann man in friedlichen, leisen Momenten beobachten, wie sie „groß sein“ spielen.

Die Liebe scheint Antrieb und Ursache zugleich für alles, was man selbst tut und was sie tun. Kleine Menschenkinder decken einen mit ihren Zärtlichkeiten zu wie mit einer flauschigen, wollenen Decke, die die Welt draußen lässt. Man braucht nichts weiter. Sie im übrigen auch nicht. „In Liebe verbunden“ vielleicht meint diese angestaubte Formulierung genau das. Ein Gefühl, dass soviel größer scheint als man selbst und dass Berge versetzen kann…

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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