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Autismus bei Kindern – Die Welt anders sehen

Die Wissenschaftlerin und Psychologin Kristin Neff machte sich 2007 mit ihrem Partner und ihrem vierjährigen Sohn Rowan auf, um durch die mongolische Steppe zu reiten. Der Grund für diesen außergewöhnlichen Ausflug war die Überzeugung des Vaters, dass Schamanen dem Sohn helfen könnten, denn, nach eigenen Aussagen ist Rowan ein „besonderes Kind“. Rowan hatte damals schreckliche Wutanfälle, war immer noch nicht trocken und den Alltag um ihn herum zu organisieren, gestaltete sich schwierig. Die Vorstellung, mit einem autistischen Kind durch die Steppe zu reiten, war zwar absurd, aber die drei wagten das Abenteuer.

Autismus Autismus

Auch bei Iris Grace, 6 Jahre, wurde das Autistische Spektrum diagnostiziert. Rowan liebt Baustellen und Bauarbeiter, Iris hingegen ist Malerin, ja Malerin. Ihre außergewöhnlichen Bilder beeindrucken die Kunstwelt und zeigen ihre Sicht in Farbe auf Leinwand.

Aber was bedeutet das? Was heißt diese Diagnose? Wieso können die einen gut zeichnen und die anderen verständigen sich besonders über das Internet?

Wir sprachen mit der Autismusambulanz, die seit 1999 in Leipzig existiert und mit Tina Crimmann & Katja Kötz, Gründerinnen von LunA – Leipzig und Autismus e.V., die betonen, dass das Autismus Spektrum auch für authentische Vielfalt steht – d. h. es gibt kein einheitliches Bild. Jeder Mensch hat seine Besonderheiten und diese gilt es herauszufinden und zu berücksichtigen.
LunA e.V. muss es wissen, denn sie selbst zählt zu den Familien, die sich den speziellen Herausforderungen täglich stellen. So wie Iris oder Rowan lebt beispielsweise die sechs-Personen Familie Crimman mit vier außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Mutter Tina ist selbst Asperger Autistin. Der große Sohn Jonathan (15) ist auch Asperger Autist. Bei seiner Schwester Magdalena (11) wurde erst zwischen der zweiten und dritten Klasse Frühkindlicher Autismus diagnostiziert und Konstantin (7), der jüngste Sohn, ist ebenfalls frühkindlicher Autist und lebt mit weiteren Mehrfachbehinderungen. Dann gehören noch Leonard und der Vater zur Familie, beide ohne Autismus-Diagnose.

 

Autismus-Spektrum? Frühkindlicher Autismus? Asperger? Eine Erklärung von LunA e.V.:

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Weitreichende funktionale Veränderungen innerhalb aller Gehirnregionen und deren Verknüpfungen führen zu Neuregelungen von Wahrnehmungsverarbeitung, emotionalem und sozialem Empfinden, Bewegungsabläufen, kognitiven Prozessen und körperlicher Selbstregulation. Da bei autistischen Menschen sowohl Reizfilter als auch Wahrnehmung sehr facettenreich ausgeprägt sind, haben AutistInnen andere Möglichkeiten, um Situationen einzuschätzen. Dadurch unterscheiden sich auch unsere Kommunikation und Handlungsweisen in vielen Situationen von denen nichtautistischer Menschen.

Ein Teil der angeborenen, neurologischen Veränderungen fallen dem Umfeld symptomatisch in folgenden Bereichen auf: gegenseitiger sozialer Interaktion, Sprachentwicklung und Kommunikation, sich wiederholende Verhaltensmuster, Spezialinteressen, einzigartigen Fähigkeiten und Aktivitäten. Stehen diese qualitativen Auffälligkeiten in ausreichend nachweisbarer Verbindung, so erfolgt deren Einordnung im „Autismus-Spektrum“.

Häufige Kombinationen zu Autismus sind zum Beispiel AD(H)S, Dyspraxie, Dyskalkulie, Legasthenie oder auch verschiedene Syndrome. Weniger öffentlich bekannt sind hormonelle Auswirkungen und die Facetten autistischer Intelligenz. Die ursächlichen Vorgänge sind äußerlich nicht sichtbar. Dieser Umstand erschwert meist die Diagnostik, gleichberechtigtes Zusammenleben wie auch die Umsetzung gesetzlicher Bestimmungen und angemessenen Handlungsweisen.

Werden Diagnosen nicht oder erst sehr spät gestellt, so kann es zu einer Reihe von Begleiterkrankungen kommen, welche das autistische Kind oder den autistischen Erwachsenen stark belasten. Eine ursächliche Behandlung von Autismus oder Heilung ist weder möglich noch nötig. Autistische Menschen können durch Umfeldgestaltungen, notwendige Hilfsmittel und der Förderung Ihrer Stärken, Lebens-, Lern- und Arbeitsräume sehr gut unterstützt werden.

Familien mit autistischen Angehörigen leben in der Diskrepanz zwischen Innen- und Außensicht. Ein großer Teil der Energien wird für die Organisation von barrierefreier Gestaltung und gleichberechtigter Teilhaben benötigt. Einander gut zu verstehen braucht oft praktische Informationen über autistische Wahrnehmung und kreative Lösungen im Alltag, welche ganz individuell für die autistischen Kinder oder Erwachsenen zusammengestellt werden können.

Das Konzept unseres Vereins LunA – Leipzig und Autismus e.V. beinhaltet die Entwicklung autismusspezifischer Wege, welche bedürfnis- und stärkenorientiert ausgerichtet sind und damit gerade für Familien mit autistischen Kindern, Pädagogen und begleitendes Personal entsprechende Kenntnisse und Möglichkeiten vermitteln. Wir begleiten Eltern auch beratend, welche Autismus bei Ihrem Kind vermuten und informieren zum Beispiel über Diagnostikstellen, Anträge bei Krankenkassen und Versorgungsämtern. Weiterhin gestalten wir gemeinsam mit den Eltern Materialen, welche im Alltag eingesetzt werden können und unterstützen sie bei der Nutzung von technischen Hilfsmitteln wie Ipad und Sprachausgabegeräten. Unsere speziellen Angebote für AutistInnen und Familien, unsere Selbsthilfegruppen und Inklusionsangebote wie Film- und Radiobeiträge finden Sie auf unserer Homepage. Barrierefreie Kommunikation kann über Deutsche Gebärdensprache, Symbole, schriftlich oder auch über Sprachausgabegeräte erfolgen.

(Tina Crimmann / Katja Kötz LunA – Leipzig und Autismus e.V.)

 

Auch die Autismusambulanz, seit 1999 in freier Trägerschaft in Leipzig angesiedelt, hilft Kindern und Eltern, ihren Weg zu gehen.

„In der Gesellschaft ist es für besondere Menschen ungleich schwieriger. Die Störung nimmt nicht zu, es fällt nur durch die enormen Anforderungen im Alltag eher auf.“
H.Bach:

autismusambulanz-leipzig Im Gespräch: Heidemarie Bach, Diplom-Heilpädagogin und Leiterin der Autismusambulanz. Sie arbeitet bereits seit 15 Jahren hier und hat damals ihr Praktikum absolviert. Zwei Mitarbeiter standen als Ansprechpartner zur Verfügung. Heute sind es achtundzwanzig. Ca. 150 Klienten betreut die Einrichtung aktuell. Ein Indiz für mehr Menschen, die dem autistischen Spektrum angehören?

Bach:„Am Anfang hat sich niemand getraut, Autismus zu diagnostizieren. Jetzt ist die Diagnostik viel besser geworden. Außerdem gab es die Erwachsenendiagnostik bis vor einigen Jahren noch gar nicht. Deshalb die Annahme, dass die Störungen schon immer in ähnlichem Maße vorhanden waren. Allein die Auffälligkeiten bzw.
Probleme, die unsere Gesellschaft mit ihren enormen Anforderungen, befördert, nehmen zu.
Autismus gilt als Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, auf die Kommunikation und das Verhaltensrepertoire auswirkt.“

Kann man heutzutage entsprechende Entstehungsursachen für autistische Störungen definieren?

Bach: „In unserem Kontext sind die Ursachen weniger relevant. Das Kind, der Mensch ist wichtig und seine Besonderheiten, die ggf. zu Schwierigkeiten und Missverständnissen mit seinen Mitmenschen führen.“

Welche Merkmale des frühkindlichen Autismus sind zu benennen? Wann sollten Eltern besonders achtsam sein?

Bach: „Im Kleinkindbereich gibt es den CHAT-Test, der für Kinder ab 18 Monaten geeignet ist. Dabei ist die sog. „geteilte Aufmerksamkeit“ wichtig, d.h.Mama-Objekt-Objekt-Mama. Das Kind sollte nicht beim Vogel oder beim Auto mit seinem Blick verharren. Es sollte sich wieder Mutter und Vater zuwenden und mitteilen, was es gesehen hat. Generell ist festzustellen, dass Kinder im autistischen Spektrum häufig scheinbar mehr Interesse an Objekten als an Menschen haben. So sind es z. B. glitzernde Objekte, drehende Waschmaschinen oder tropfende Wasserhähne, die ihre Aufmerksamkeit binden. Auch die landläufige Meinung zu den Stereotypen ist durchaus relevant. Jene Kinder finden beispielsweise das rollende Rad am Auto, was wieder und wieder gedreht werden muss, interessanter als das Spiel mit dem Auto selbst. Mitunter sind sie auch besonders empfindlich beim Anfassen oder extrem geräuschempfindlich. Das fällt oft im Kindergarten im direkten Vergleich auf.“

Wie unterscheidet sich der frühkindliche Autismus vom Asperger-Syndrom“ und dem „Atypischen Autismus“?

Bach: : „Autismus bedeutet eine Vielzahl an möglichen Besonderheiten in den Bereichen Kommunikation, Sozialverhalten und Beschäftigung. Und die einzelnen Besonderheiten können bei dem einen ganz anders in Erscheinung treten als bei dem anderen, auch in unterschiedlichem Grad. Bekannt sind die Unterscheidungen in ‚Frühkindlicher Autismus’, ‚Atypischer Autismus’ und ‚Asperger Syndrom’. Doch auch hier gibt es innerhalb einer Gruppe ein breites Spektrum und Überschneidungen zu den anderen.

Beim frühkindlichen Autismus ist eine deutliche Sprachverzögerung zu beobachten, was oft (und mitunter auch fälschlicherweise) mit einer Intelligenzminderung in Verbindung gebracht wird. Die Stereotypien sind stark ausgeprägt. Personen mit Asperger-Autismus sind meist im normalen Intelligenzbereich angesiedelt, haben aber ihre Spezialthemen. Diese Kinder erscheinen eher „neunmalklug“ und zwanghaft. Entgegen ihrem Spezialwissen erscheint ihre Emotionalität extrem lückenhaft. (Sympathie, Empathie und ihre Sozailkompetenz sind für Außenstehende manchmal nicht zu beobachten oder nicht zu verstehen. Ein sehr passendes Bild in diesem Zusammenhang ist, dass „der emotionale Strom einfach nicht angeschlossen ist“ (Zitat Temple Grandin). Ironie und Metaphern werden oft nicht erkannt. Und die fehlende Empathie wird gern als Arroganz auslegt oder als fehlendes Mitleid angesehen…“

Gibt es Unterschiede bei den Geschlechtern?

Bach: Autistische Jungs und Mädchen reagieren äußerst verschieden. Mädchen sind eher still, schüchtern, zurückhaltend. Jungs zeigen häufiger stärkere Verhaltensauffälligkeiten.“

Wenn Eltern entsprechende Merkmale entdecken, wie ist das weitere Vorgehen? Wie sollten sich Eltern verhalten?

Bach: „Es gibt inzwischen sehr viel Literatur und auch Filme zum Thema. Wir bieten Beratungen, Weiterbildungen und Infoveranstaltungen an. Wenn die Besonderheiten die Eltern beunruhigen und ein Hilfebedarf (für das Kind und/oder die Eltern) besteht, dann ist eine Diagnostik angezeigt. Hierbei kann sich der Verdacht auf Autismus bestätigen oder andere Gründe (und somit auch Zugänge zu Förderung und Unterstützung) gefunden werden. Dann sollte man sich um eine richtige Diagnostik bemühen, wobei eine Diagnose kaum vor dem dritten Lebensjahr stattfindet. Merkmale sind: die Auffälligkeiten in der Kommunikation, bei der Sozailkompetenz und ein verändertes Spiel- und Beschäftigungsmuster.“

Was bedeutet eine entsprechende Diagnose für das Kind und die Familie?

Bach: „Die Bezugspersonen müssen sensibel damit sein. Die Diagnose bedeutet in erster Linie oft eine mögliche Erklärung für Verhaltensweisen und ermöglicht den Zugang zu einer Hilfe. Diese richtet sich in Form von Förderung, Training und Begleitung an das Kind, den Jugendlichen oder den Erwachsenen mit Autismus. Aber sie ist auch eine Hilfe für das Umfeld, die Familie, den Kindergarten , die Schule oder Andere. Eltern müssen sich kontinuierlich fragen, welches Verhalten ist der Autismus und was ist es nicht. Wie kann die Erziehung dennoch funktionieren? Welche Reaktionen sind Stressreaktionen? D. h. jede Situation muss hinterfragt werden, was es extrem komplex und auch zeitaufwendig macht.“

Wie können autismusbedingte Beeinträchtigungen gebessert oder kompensiert werden? Können Sie das überhaupt?

Bach: „Es gibt diverse Ansätze in der Förderung für autistische Menschen und selbstverständlich bringen sie auch eigene Strategien mit. Regeln des Sozialverhaltens, angemessene Reaktionsmuster, Umgang mit Stresssituationen, Kommunikationsformen wie z. B. Small Talk und vieles mehr kann erlernt werden. Wichtig für jegliche positive Entwicklung ist ein interessiertes und annehmendes Umfeld, das bereit ist, sich von manchen Erwartungen zu verabschieden und sich traut, sich auf andere Wege der Kommunikation und des Miteinanders einzulassen.“

Wie sollte man autistischen Kindern begegnen?

Bach: „Strukturierung ist eine Lösung für vieles. Mehr Orientierung für Zeit und Raum. Man muss sich immer wieder die Frage stellen: Was braucht der Mensch damit er sicherer und entspannter durch den Tag kommt?“

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde dieser bezogen auf die autistischen Besonderheiten aussehen?

frau_bach Bach: „Alle Menschen sollten offener sein und… Menschen dürfen unterschiedlich sein. Nachbarn und Freunde sollten offen damit umgehen, d. h. auch, dass man nicht unbedingt helfen muss. Die Menschen dürfen einfach so sein wie sie sind. Man sollte viel mehr auf die positive Seite der Besonderheit schauen und bei Herausforderungen mit Offenheit und Neugier nach individuellen Lösungen suchen.

Vielen Dank an Frau Bach.
www.autismusambulanz-leipzig.de

 

 

 

 


Einfach mehr.

Sehr persönliche Einblicke gewährt der Film >Richtig autistisch< , ein Medienprojekt aus Wuppertal, dass die Familie Crimmann aus Leipzig begleitet.

Auch dazu bietet LunA e.V verschiedene Bildungsangebote für Interessenten.



The Horse Boy

Von der Reise, die Rowan und seinen Eltern durch die mongolische Steppe gemacht haben, gibt es ebenfalls mehr Material. Ein wenig romantisiert, aber dennoch sehens- und lesenswert.



Iris Grace

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