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Kolumnen

Auf geht’s zum ABC (oder lieber doch nicht?)

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Das Thema geht um. Es verfolgt mich. Gerade sitze ich in einem Café und die zwei Männer des Nachbartischs, die sich in meiner Vorstellung doch über tolle Party, Frauen, Urlaub und Autos unterhalten sollten, diskutieren über Hüpfburgen, Trampolin und Kinderspiele. Überall höre ich aufgeregte Eltern – manchmal nur ein Flüstern oder erhitzte, hektische Telefonate. Hemden und Blusen werden ausgesucht. Locations verglichen. Planungen ausgetauscht, der Wetterbericht ängstlich gecheckt, Informationen zu Feierstunden und Zuckertütenbäumen verglichen. Beim Einkauf stehen echauffierte Großeltern an der Kasse und haben Süßigkeiten, Stifte und Spielzeuge angehäuft. Soll es lieber das Feuerwehrauto, der Malkasten, die Brotbüchse oder der Lego-Zoo sein? Und die Tüte an sich? Ganz groß oder mittelgroß? Das Maß der Dinge wird offensichtlich im Wettbewerb mit all den anderen Familien bestimmt, die auch Einschulung haben.

Vorher ist es mir nicht so aufgefallen, aber da war das Thema auch nicht so erschreckend nah. Wie kann es sein, dass wir uns jetzt schon um Schule Gedanken machen müssen? Ich dachte, Schule ist weit weg…

Noch immer spüre ich wie wir uns „gemeinsam“ angefühlt haben, wie sie ständig in meinem Bauch Schluckauf hatte und pünktlich um zwanzig Uhr abends wach wurde, um eine Übungsrunde im Boxen zu drehen. Panik kommt nach wie vor in mir hoch, wenn ich mich durch die Zeit bewege. Es tut fast noch weh, wenn die Erinnerung hochkommt… wie ich stöhnend und schwitzend, fertig mit der Welt und mit dem Gedanken, dass sie niemals durchpassen wird, auf dem nassen Laken lag und hoffte, dass die Natur, die Hebamme, mein Herzallerliebster oder wer auch immer doch irgendwas tun müsste, damit es endlich vorbei ist.

Hochwasseralarm bei der Kita-Eingewöhnung. Ein schreiendes, hochrotes Bündel, das sich erschöpft an meinen Hals gekuschelt hat und schlagartig voller Rotz und Tränen eingeschlafen ist. Und wie sie ohne Vorankündigung nach unserem Sommerurlaub plötzlich in die große Gruppe des Kindergartens wechseln musste. Wieder Tränen. Ihr Zebra in der Garderobe war besetzt. Sie wurde bestimmt aus dem Krippenraum geschoben und sollte „zu den Großen“. Nicht nur sie, auch ich hätte mich vorbereiten müssen. Das Herz braucht doch ein wenig Zeit, um zu verarbeiten, was der Kopf schon länger weiß (wenn er es weiß). Das Kind wird größer. Einfach so. Und habe ich es mir in den zahnenden, schreienden Nächten noch so sehr gewünscht, so ist es doch anders, wenn die Zeit da ist.
Jetzt die Schule.

Keine alten Freunde mehr. Kein Benny, keine Gosha, die sie bis jetzt umsorgt, bewacht und beschützt haben. Pünktlich zur ersten Stunde da sein, Lernen, Konzentration, Hausaufgaben, Hort, Schulferien, Noten, Ernsthaftigkeit, neue Menschen und mütterliches Gedanken- Karussell: Soll das Kind angemeldet werden oder nicht? Meine Idee, eine Anmeldung wieder zurück ziehen zu können, wenn es sich nicht richtig anfühlt, wenn sich der kleine Mensch nicht mit schultauglichen Siebenmeilenstiefeln entwickelt hat, erwies sich als falsch. Verbindlichkeit ist gewünscht.

Also los, eine verbindliche Entscheidung muss her. Wieso muss nur alles, was mit Kindern zu tun hat, so kompliziert sein? Keine harmlose, harmonische und friedliche Selbstverständlichkeit. Stattdessen Formulare, Anmeldungen, Vorsprechen… – erst bei der Hebamme, dann im Geburtshaus (ja, ich habe mich getraut und es nicht bereut), dann für den Krippenplatz und nun Bewerbungsgespräche für Erstklässler?

Ach nö.
Jetzt noch nicht.

Das Kind soll noch spielen, hüpfen und toben. Ein wenig Bummelei und Leichtigkeit. Schule kann auch noch mit sieben. (Und ich habe ein Jahr mehr, um vor dem Spiegel zu üben, dann kein heulendes, peinliches Mama-Monster zu sein.)

In diesem Sinne auf die Kleinen und die Großen! Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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