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Kolumnen

Achja, Altern und Vernunft

Altern Vernunft

Als Kind ist alles jenseits der dreißig hundealt, fast schon Oma und Opa. Ich dachte da nicht anders. Mit dreißig ist das meiste schon durch. Die große Liebe ist gefunden, das Haus gebaut, der Baum gepflanzt, man hat eine Fahrerlaubnis, darf ein Haustier haben, fährt alleine oder zu zweit in Urlaub, kann sich die Nächte um die Ohren schlagen, isst so viel Schokolade wie man will, hat Kinder und ist erwachsen geworden.

Aber was ist erwachsen? Ein Dach über dem Kopf, neuerdings Vorhänge an den Fenstern und ein festes Gehalt im Monat? Fühlt man sich allem was kommt gewachsen? Hat man mehr Antworten als Fragen? Ist man Angekommen – wo auch immer? Über das Erwachsensein kann man sich trefflich streiten. Aus der Ferne betrachtet ist es irgendwie einfacher als so nah. Beispielsweise hatte ich vor etwa zehn Jahren Hoffnung, dass ich in eben dieser Zeitspanne gesetzt, vernünftig, ordentlich und strukturiert werden müsste. Jetzt denke ich, vielleicht hat das auch noch ein wenig Zeit oder: es geht gar nicht darum. Bis dato ging es auch unvernünftig und nicht ganz so geordnet prima. Vor zehn Jahren war ich ein wenig in Zugzwang, ich gestehe. Da hat man den großen Plan des Lebens vor sich, will einen Job, will den Märchenprinzen, will ein Zuhause und nach Möglichkeit auch noch Menschenkinder, die aber nach Möglichkeit erst nach dem Job, dem Mann und dem Zuhause kommen sollten. Ganz schön viel, was man da in nur ein paar Jahren auf die Reihe bekommen muss, damit der Zug nicht abgefahren ist. Die gleiche Anzahl von Jahren, die man vorher mit Freunden, Musik, Pizza und etwas Party nicht ganz so inhaltsschwer hinter sich gelassen hat. Zugzwang.

Möglicherweise verschiebt sich aber auch die Vorstellung von einst, wenn man mit ihr im Jetzt angekommen ist. Mit Kinderaugen betrachtet, scheint jede Entscheidung erwachsen. Jede Wahlmöglichkeit spektakulär. Das Leben ist ein Traumzauberbaum, der gefunden, erlebt und erobert werden muss. Aber leider sitzen im Geäst so manch düstere Nachtschattengestalten, denen man im Nachhinein lieber nicht begegnet wäre. Schwarze Traumzauberblätter, die man fortan im kleinen Rucksack mit sich nimmt und die das Lachen manchmal nicht mehr ganz so unbeschwert machen. Man hinterfragt, wägt ab, ist skeptisch, traut sich einfach nicht, weiß bereits, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat und springt nicht mehr so unbekümmert durch den Tag. Leider. Und als ob das nicht alles schon schicksalhaft genug wäre, wird man dabei auch noch älter. Ein Drama. Die Uhr tickt. Die Zeit schreitet voran. Schon wieder ein Geburtstag, der irgendwann mit vier, fünf oder sechs beginnt.

Früher dachte ich, man sieht das entspannt. Heute weiß ich es besser. Von Entspannung keine Spur. In Cambridge wurde jetzt sogar wissenschaftlich bewiesen, dass bei Frauen die Zufriedenheit konstant abnimmt. Ganz im Vergleich zu den Männern, die erst mit vierzig auf dem Höhepunkt des glücklich-Gefühls angekommen sind. Schuld daran ist dieses verdammte Alter.

Nein, ich mag auch keine Kerzen mehr auf der Geburtstagstorte. Und letzte Woche stellte die Dame der Kosmetikindustrie fest, dass es für meine Haut etwas mehr Feuchtigkeit bräuchte. Ihre Empfehlung: Hyaluron. „Das füllt ein wenig auf und das kann ja nicht schaden.“ so ihre professionelle Meinung. Wie auffüllen? Mir ist schon klar, dass mit zunehmendem Alter das Gesicht kein Babypopo mehr ist, aber wie ein Basset (das sind diese triefaugigen, traurig blickenden Schlappohrhunde aus dem Hause der Queen) sehe ich ja auch noch nicht aus.

Aber wahrscheinlich muss man sich damit anfreunden. Man ist zwar nicht schlauer und gesetzter geworden, dafür werden die Augen schlechter, die Haare dünner, die Haut schlaffer und die Falten mehr. Gott sei Dank sehen Füße bis ins hohe Alter schön aus. Und so kann ich in einem kleinen Moment der Frustration wenigstens Schuhe kaufen, die nichts, aber so gar nichts mit dem Alter zu tun haben. Es leben die Chucks!

Für alle Jungen und jungen Alten ein schönes Wochenende und stets sensibles Kosmetikpersonal,

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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