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Kolumnen

Als Mutter geht mich alles an

 

Wenn sich mal eine gute Fee zu mir verlaufen würde, um nach meinem Befinden und meinen Wünschen zu fragen, hätte ich spontan eine gute Idee. Zu gern würde ich unbemerkt in die Köpfe meiner Kinder kriechen, die mir bereits mit ihren drei und sechs Jahren sehr geheimnisvoll erscheinen. Eintauchen in eine Kartoffelbrei-Zuckerwattenwelt. Oder wird es Schmerz, Wut und Trauer geben? Ein bisschen Morast und sprechende Kuscheltiere, Lutscher auf den Bäumen und wilde Tiere am Boden? Ich bin auf der Suche. Suche Erklärungen…

Warum liegt das große Kind seit Stunden wimmernd auf der Couch, ein Schluchzer jagt den nächsten, obwohl sie lediglich etwas Fieber, keinen Hunger und einen Wackelzahn hat? Was betrübt sie dermaßen? Was geht da unter den wilden Zöpfen vor sich? Ich versuche, mich hinein zu versetzen. Aber die Problematik bei den Erinnerungen ist, dass man nur die ganz schönen oder die schrecklich doofen Erlebnisse abspeichert. Das Normale, das Einerlei, die tägliche Wiederholung ist nicht abgespeichert. Und so bleibt mir das eigene Kind mitunter ein Rätsel, aber… ich mag Rätsel nicht. Zumindest nicht die, deren Lösung mir verborgen bleiben.

Ein Gefühl, das mit zunehmendem Alter der Kinder wohl ebenfalls wächst und mich zur Verzweiflung bringen wird. Was tun als liebende Mutter, als Eltern, wenn man keine Antwort mehr bekommt, wenn das kleine Mädchen halbnackt in Hotpants die Treppe runter kommt, sich im Zimmer einschließt, wenn der Sohnemann mitten in der Nacht nach Hause schlurft, stets mysteriöse Sporttaschen in der Hand trägt und flüsternd an der Hausecke steht? Aber so weit muss es ja nicht kommen – besser schon vorher mal nachsehen, kontrollieren, einen Blick werfen – oder?

Digitale Überwachung ist in – und macht selbst vor den Kleinsten nicht halt. Kameras am Babybettchen, Kameras im Kinderzimmer, das erste eigene Handy als Spion im Schulranzen und per GPS und sogenannten „Parental Control“- Apps hätte ich Einblick. Aber will ich das? VW sendet beispielsweise bei seinem Projekt „Schulranzen“ die Position meines Kindes an den Autofahrer, um ein Frühwarnsystem einzurichten. Aber was ist, wenn der Autofahrer nichts Gutes im Schilde führt?

Manches hört sich in der Tat ganz hilfreich an, wie zum Beispiel eine adaptive Lernsoftware – Educational Technology – die auf den Lernstand der Kids reagiert und verspricht, so individuell fördern zu können.

Aber wo ist denn die Grenze zwischen Hilfe, Einblick und Einengung, Überwachung und vielleicht sogar Entmündigung? Und was ist, wenn nicht nur ich sehe, wo sich das Menschenkind rumtreibt, sondern auch andere? Technik ist immer angreifbar. Wie oft wurden bereits irgendwelche Daten geklaut und benutzt. Der schwarze Mann mit dem Papiermesser lauert schon in meinem Hinterkopf…
Dann vielleicht doch lieber keine Technik nutzen und auf old school setzen. Reden, Vertrauen, Nachfragen, auf Antwort hoffen und eben auch unwissend sein – egal wie schwer es fällt und wie nebulös die Welt des Nachwuchses auch scheint.

So erst einmal der gute Vorsatz…

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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