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Kolumnen

Alles, was ich nicht kann

Alles, was ich nicht kann

 

Eigentlich hört es nie auf. Man träumt von Kindesbeinen an. Man ist Kosmonaut, Ballerina, Fußballer, Chef oder Chefin. Man ist der allerschnellste Läufer in der Schule, kann flink wie ein Fisch im Wasser schwimmen, bekommt beim nächsten Lehreraufruf keinen Herzinfarkt und hochroten Kopf, denn: man ist wissend. Generell wäre es traumhaft, wenn man in allem gut sein könnte. Keine Peinlichkeiten. Immer stets vornan, keine Ängste vor dem Versagen, Scheitern, vor dem Lachen der anderen.  Immer einer der Klugen, Beliebten, Sportlichen sein.

Ach ja, wie gern wäre ich damals nicht eine von den fünf Dummen gewesen, die erst in der dritten Klasse Schwimmen lernten. Das ist außerordentlich uncool, wenn alle planschen oder vom Beckenrand springen und man selbst das Gefühl hat, in dreißig Zentimetern Wasser zu ertrinken. Ich war panisch, habe mich schrecklich geschämt und mich wirklich dämlich angestellt (zumindest rückblickend betrachtet). Wasser an meinem Kopf, Wasser an meiner Nase und ein kleiner Anfall von Schrei und Hysterie waren die Folgen. So gern wäre ich mutiger gewesen, heldenhaft. Aber ich war es nicht. Am liebsten wäre ich verschwunden, gar nicht erst aufgetaucht, krank oder noch besser, unsichtbar gewesen.

Heute steht meine Tochter unter der Dusche und schreit wie am Spieß – sie sollte für den Schwimmkurs üben, denn auch dort war Wasser am Kopf und kühles Nass an den Augen von lautem Protest begleitet. Wasser ist eine Übungssache – wie vieles und mit manchem tut man sich eben schwer – trotz allem Wünschen und Hoffen.

Doch trotz aller Größe und trotz des fortgeschrittenen Alters: Ich wünsche und will und hoffe immer noch, dass ich etwas kann, von dem ich vermute, dass es mich direkt nach vorn katapultieren würde. Wo vorn ist? Keine Ahnung. Aber es allein zu können, müsste einen doch mit tiefer Befriedigung erfüllen…

Aber so ist es nicht. Der Wille zählt eben nicht immer. Ich kann – da muss man schon ehrlich zu sich selbst sein – auch heute keinen Rettungsschwimmer absolvieren. Ich kann keine leckeren drei Gänge-Menüs zaubern, die wie beim Herzallerliebsten locker, leicht und mit Freude von der Hand gehen. Ich kann nicht elfengleich auf Schlittschuhen dahingleiten. Und ich kann keinen perfekten, hübsch sortieren Haushalt ähnlich Elle Decoration mein Eigen nennen. Aber am dramatischsten: Beim Thema Sprachbegabung scheine ich mich bei der Vergabe komplett gedrückt zu haben. Allzu gern würde ich mich fließend in Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch unterhalten. Das Gefühl des Weltenbürgers im Gepäck. Praktisch hantiere ich mit dem treuen, unperfekten Freund des Google-Übersetzers und bin vom locker-leichten Sprachverständnis Meilen entfernt. Mitunter bin ich schrecklich deprimiert – ich schreie nicht mehr so rum wie meine Tochter, aber ich würde gern.

Warum fällt manchen Menschen etwas so leicht und anderen nicht? Warum können manche etwas mit links und ich stelle mich an, wie ein Braunbär im Schokoladenladen? Warum nur? Da soll ich den Unperfektionismus akzeptieren. Ja, gern. Aber wie soll ich mein Nicht-Können annehmen und mich nicht ärgern, wenn das Ärgernis doch direkt vor meiner Nase ist?

Ich übe – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Einzig „Before Sunset“ konnte mich trösten. Da heißt es doch wirklich: Kein Mensch ist austauschbar. Jeder besteht aus wunderschönen kleinen Details…

…und Details sind eben nicht immer vollkommen.

 

Vielleicht eine Idee für den Filmabend am Wochenende? Before Sunset

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

Before Sunset


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