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Kolumnen

Allein, mitohne Mann

In meiner Erinnerung wollte ich „für später“ immer folgendes: ein altes Haus auf einem Hügel mit Streuobstwiese dahinter, darauf sollten knorrige Apfelbäume stehen und in ihrem Schatten ein Hund und ein Kind spielen. Ich selbst sitze auf einer grün gestrichenen Bank neben der Eingangstür in roten Gummistiefeln und Latzhose mit Kaffee in der Hand, die Szene erfreut beobachtend.

Der Mann dazu war weder im Haus noch im Geäst der Bäume zu finden. Er war auch nicht arbeiten. Nein, ich hatte ihn nicht vergessen, er kam einfach nicht vor. Vielleicht, weil es in meiner Kindheit nichts Gutes und Erfreuliches an Geborgenheit bringenden Vaterfiguren gab. Ich war eigentlich immer sehr froh, wenn die Kategorie Vater (genauer gesagt: Stiefvater) weit weg war.  Da war es ruhiger, beschaulicher. Es gab keinen ausufernden elterlichen Streit, keine Beleidigungen und weniger Zwänge. Also dachte ich mir mein Leben ohne Mann. Denn lieber gar keinen als einen nervigen, schlecht gelaunten Typen, vor dem man sich in Acht nehmen muss.

Doch heute gibt es ihn, und ich bin heilfroh. Denn mir schwant inzwischen, dass das Genre: „alleinerziehend“ nichts, aber auch gar nichts mit meinem idyllischen Bild von Garten, Haus und Kind zu tun hat. Von dem Glück eines liebenden Menschen auf Augenhöhe mal ganz abgesehen. Die Idee der selbstbestimmten, starken Frau, die niemanden braucht und sich selbst genügt, die heldenhaft in der einen Hand das Zepter schwingt und in der anderen das Menschenkind hält, zerschellt beim zweiten Blick schnell auf dem Boden der alltäglichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten. Tatsächlich muss man allein alles auf einmal sein: liebevolle Mom, abenteuerlicher Vater, Geldverdiener, Familienorganisator, Einkaufskoordinator, Krankenschwester, Wäschefee und Putzfrau, Laternenbastler, Fahrradreparierer, Fußballspieler, Hinbringer und Abholer, Frühstücksmeister und Menüzauberer, Osterhase, Weihnachtsmann und Nikolaus. Eine wilde Mischung aus allem, was das Kinderherz braucht, fast wie ein-Mann-Theater ohne Vorstellungsende. Aber was ist dann mit einem selbst? Wenn man alles für den kleinen Menschen ist, darf man dann auch mal nur an sich denken? Vor allem, wann könnte man denn nur für sich selbst da sein?

In meiner damaligen Vorstellung sah das Leben ohne Mann ganz einfach aus. Heute aber, wo ich mit Kindern gegen die Uhr renne und am großen Spiel der Familienorganisation beteiligt bin, habe ich keine Ahnung wie das gehen soll. Ja klar, man wächst an seinen Aufgaben, aber die Aufgaben sollten nicht so unüberwindbar wie der Kilimandscharo sein. Multitask hoch zehn gepaart mit der Angst, was wird, wenn man selbst nicht mehr da ist. Ein Gedanke, der mir eigentlich erst in den Sinn kam als ich zwischen Tee, Weintrauben und Kindertanz den Erzählungen anderer Mütter lauschte. Eben jenen, die allein da stehen und jeden Tag, jede Woche, jeden Monat alles für das Kind sind. Mehr ist nicht da oder mehr will nicht da sein.  Ein Zweierlei im Rhythmus der täglichen vierundzwanzig Stunden. Knappe vierundzwanzig Stunden (Verzeihung, arschknapp wäre treffender.) Denn, um für sich und das Kind sorgen zu können, arbeiten viele bis zu 60 Wochenstunden. Und warum arbeiten sie so viel?

Weil sie die besser bezahlten Jobs nicht bekommen. Frauen, die mit Kindern alleine dastehen, sind das größtmögliche Risiko für den Chef (auch wenn sie total clever sind und eine super Ausbildung haben). Dazu will Vater Staat nicht gerade minimale Abgaben. Die Wohnung muss bezahlt werden, Strom, Wasser und natürlich die Kita (welch` ein Glück, wenn man eine hat), die zwar recht unflexibel in ihren Öffnungszeiten ist, aber auch noch Geld kostet. Ein guter acht Stunden Job mit ein wenig Fahrzeit zum Hinkommen ist für die wenigsten Single-Mütter oder Väter (wir wollen sie nicht vergessen, auch wenn die Zahl gering ist) gar nicht zu schaffen. Keiner kann fliegen und sich von A nach B beamen, auch wenn der Wunsch und der Bedarf riesig ist. Wie schade, da ist also nichts mit beschaulichen Apfelbäumen, gemeinsamem Spielen und einer Pause auf der grünen Bank.

Tatsächlich war ich schockiert, als ich hörte, dass alleinerziehende Mütter nicht nur 60 Wochenstunden im Schnitt arbeiten, es besteht auch ein vierzig prozentiges Armutsrisiko. Das klingt fast, als ob man ohne väterlichen Unterhalt (vielleicht auch mit) das letzte kleine Licht wäre, das gegen Windmühlen kämpft. Das ist doch eine Gemeinheit ohne Gleichen. (Ja, ich errege mich ein wenig, denn um ein Haar wäre ich ja auch so eine Single-Mom und überhaupt, manchmal passiert es eben, dass man allein ist – auch wenn der große Plan vom Leben anders aussah) Mehr als eine halbe Million Single-Moms, die Kinder versorgen, leben von Hartz IV. Das sind gigantische vierzig Prozent. Gibt es zwei Elternteile, liegt die Hartz IV Rate nur bei neun Prozent (ich habe bei der Bertelsmann-Stiftung nachgeschaut, wenig unterhaltsam, kann ich sagen) Wenn es so bescheiden für die Frauen aussieht, muss doch irgendwas falsch gelaufen sein? Oder anders, kann man sich Familie in der märchenhaften Vorstellung mit sommersprossigen Kindern in unserem Land nur mit zwei Elternteilen leisten? Und, wenn sich eine Situation so bescheiden darstellt, wie ist der Ausweg? Wer nimmt sich ihrer an, im Land der Ideen?

Frau Vahabzadeh (die Dame mit dem schweren Namen schreibt ua für die Süddeutsche)meint, der Feminismus sei schuld. Er hatte die Männer im Blick, aber nicht die Frauen. Man diskutiert lieber über Quoten in Vorständen als über die halbe Million Single-Mütter. Das kann schon sein, hilft aber unserer Nachbarin und alle jenen, die sich dieser Herausforderung stellen, wenig. Es braucht mehr Aufmerksamkeit und Beachtung – vielleicht muss man auch erst einmal im Kleinen beginnen.

So sehe ich die Nachbarin, ja, alleinstehend, wie sie mit dem Fahrrad früh fährt und abends heim kehrt in einem anderen Licht. Meist kommt sie ein wenig bedrückt die Straße entlang, das Kind zwischen ihren Beinen, die Einkaufstüten am Lenker. Früher dachte ich, so ein Lächeln und ein kleiner Spaß wären doch nicht zu viel verlangt. Aber jetzt? Vielleicht ist einem irgendwann nicht mehr zum Lachen zumute? Die Kraft ist alle, das Geld auch…

Da muss dringend etwas geschehen, im Großen, Allgemeinen, Ganzen – das Land braucht Ideen. Aber erfahrungsgemäß kann das dauern. Deshalb fange ich schon einmal an… und wenn es nur ein Lächeln für Frau Funt ist und ein aufmunterndes Wort.

Supported the single moms! Meine Hochachtung für all jene, die jeden Tag aufs Neue versuchen, alles zu schaffen, Ihre Sabine Henriette Schwarz

PS: Warum der Text so ernst wurde?

Weil folgende Daten ernst sind: 1,6 Millionen Haushalte mit nur einem Elternteil gibt es in Deutschland, 300 000 mehr als 1996. Zu neunzig Prozent ist dieser eine Elternteil eine Mutter. So eine Mutter hat, nach deutschem Recht, für sich selbst zu sorgen; Unterhalt bekommen die Kinder. Die Mutter hat, falls sie mit dem Vater verheiratet war, nur Ansprüche, bis die Kinder drei Jahre alt sind, danach muss sie sehen wo sie bleibt mit den nicht vorhandenen Ganztagsbetreuungen, den kinderunfreundlichen Chefs, der schlechten Bezahlung und ihrem Kontingent an Zeit.


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