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Kolumnen

Alle Menschen sind gleich

 

Der einstige Ruf der Französischen Revolution hat ausgedient, oder?

Bei Treffen mit neuen Menschen, bei Erstkontakten, bei Partys und Feiern kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Kurzportfolio zum Berufsleben, zum Können und Haben, zu Familienstand und Wohnsituation immer mehr zur Vorstellungsrunde gehört. Da genügt es nicht, einfach nur da zu sein, freundlich zu lächeln, nicht in den ersten zehn Minuten im Fettnäpfchen zu versinken und das Gespräch irgendwann so langsam in Fahrt kommen zu lassen, ein Getränk entkrampft in der Hand haltend. Denn wenn das Gegenüber nett ist, man sich vorsichtig beschnuppert und als sympathisch eingestuft hat, kann und mag man erzählen. Wenn aber nicht, hält man bekanntermaßen die Klappe und versucht sich dezent zur anderen Ecke der Partylocation oder zumindest an die andere Tischkante vorzukämpfen.

Heute scheint das schwieriger. Bei unserem letzten Gartenfest lief das eher so: „Das ist die Margot.“ „Hallo, Margot, willkommen.“ „Die Margot kommt aus Fulda und lebt da mit ihrer Tochter, die bald sechs wird, in einem Haus mit großem Garten. Ist ja auch schöner für die Kleine… Und wenn Du Fragen hast zu Versicherungen und so, da kennt sich die Margot aus, das ist ihr Spezialgebiet. Also, wenn Du eine Frage hast, dann frag sie gleich. Übrigens Margot interessiert sich auch sehr für Architektur, da können wir doch bestimmt mal Euer Haus ansehen, oder?“ Betretenes Schweigen auf beiden Seiten. Arme Margot, dachte ich. Das ist ja eher ein Vorführen als ein Kennenlernen. Wer will denn so was? Da wird dem Gastgeber ja jede Chance genommen, ein kleine hübsche smaltalkige Frage zu stellen, die noch entspannt auf der Oberfläche der Realität daher schaukelt. Um anschließend an die Vorstellung von Job, Wohnen, Kind und Hobby anzuknüpfen, bräuchte es schon etwas Tiefgang. Aber soweit ist man nach fünf Minuten einfach noch nicht. Oder bin nur ich nicht so weit und die anderen haben dieses wir-sitzen-einfach-da-und-ein-Gespräch-plätschert-dahin“ übersprungen, um effektiver sein zu können? Ich will mit meinem Weinglas in der Hand aber gar nicht effektiv sein. Ich mag der Musik lauschen und den Gesprächsfetzen, die kleinen Lampions betrachten und den Rest des leckeren Grillguts auf meinem Teller. Zwischendurch kommt ein müdes Kind für einen Knutscher, ein Getränk oder mit der Information, dass es aufs Klo muss. Mehr nicht.

Dennoch: die Gespräche drehen sich um Häuser und um Autos, um das Haben im Allgemeinen, was ich schauderhaft finde. Klar, kann man mal an den Themen vorbei schrammen, gar kein Problem, aber eigentlich geht es ja nicht darum. Kein Mensch wird angenehmer und interessanter, nur weil er ein dickes Auto fährt. Wie er die Welt sieht, wie anziehend und freundlich man einander findet, hat auch herzlich wenig mit einer Zwei, Drei oder Vierraum-Wohnung zu tun. Menschen, die einem gut tun, mit denen man sich irgendwie verbunden fühlt, sind doch überall zu finden.

Oder?

So gern möchte ich daran glauben, aber ich muss mir eingestehen, dass sich mit zunehmendem Alter auch die Orte des Neu-Kennenlernens irgendwie reduzieren und da gibt es nun einmal verschiedene Kontakt-Arten und -Orte, die bereits im Vorhinein die Vielfalt einschränken. Über die Arbeit, die Kinder, das Hobby, die Nachbarschaft… in einem Thema ist man gleich oder ähnlich. Wenn dann nicht doch irgendwann dieses schneller, höher, größer, weiter im Vergleich kommen würde. Da kommt es mir fast so vor, als ob das Leben ein Wettbewerb der unnützen Dinge wäre…

Zum Glück gibt es noch Bastionen, wo es keinerlei Unterschiede gibt. Und so stehe ich Freitagabend an der Supermarktkasse, wo alle gleich warten und Schlange stehen, unabhängig ob sie danach in ihre kleines WG-Zimmer gehen, in das Haus mit Vorgarten fahren oder sich vielleicht im Park unter eine der großen Kastanien legen.

In diesem Sinne, auf die Vielfalt der Freundschaften!

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

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