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…wenn das Spiel ausartet. Aggressivität bei Geschwistern und was Eltern tun können

…wenn das Spiel ausartet. Aggressivität bei Geschwistern und was Eltern tun können

Viele kennen das. In der einen Sekunde spielen die Kids noch miteinander und in der nächsten geht sprichwörtlich „das Hauen und Stechen los“. Es wurde etwas weggenommen oder einer fühlt sich gestört, der eine Ball ist größer als der andere, beide Kinder zerren und zotteln am gleichen Objekt der Begierde, man fühlt sich ungerecht behandelt oder sonst irgendwie benachteiligt und schon geht es los: schubsen, hauen, kratzen, beißen, stänkern, Haare ziehen, kneifen. Jedes Kind hat seine eigenen Verhaltensmuster und als Eltern fragt man sich automatisch: Woher kommt das aggressive Verhalten? Wann eskaliert ein Streit? Wann muss ich einschreiten? Oder ist es besser, wenn die Geschwister ihre Konflikte unter sich austragen? Was kann man tun? Hilft ein Gespräch? Helfen Bestrafungen? Klar ist, streitende Geschwister in der Kampfesarena beeinflussen den gesamten Familienfrieden, den Ablauf des Tages, die Gefühle der Eltern und ihr Verhalten.

So berichtet beispielsweise eine Mutter:
Ich schäme mich entsetzlich dafür, aber inzwischen ist es so weit, dass ich meine Kinder wochentags zum spätestmöglichen Zeitpunkt aus der Betreuung abhole. Nur um das tägliche Theater und Geschrei auf ein Minimum zu reduzieren. Mein Sohn, 5, und meine Tochter, 4, sind in Kombination für mich/uns praktisch nicht mehr handelbar. Ständig fühlt sich einer benachteiligt, werden kleinste Ungerechtigkeiten zum großen Drama inklusive Geschrei. Obwohl wir erklären, predigen, schreien, strafen und wieder erklären, prügeln beide (aber insbesondere der Junge) aus kleinster Frustration auf den anderen ein. Die Aggression und Gewaltbereitschaft dabei macht mich oft sprachlos.

Das Zubettgehen oder morgens das Verlassen des Hauses sind ein einziges Schimpfen, Ermahnen, Drohen. Immer öfter erleben wir eine Spirale gegenseitiger Grenzüberschreitungen, gleichzeitig stumpfen die Kinder scheinbar ab – mittlerweile interessiert es keines der Kinder mehr wirklich, wenn ich laut werde. Der Großteil der gemeinsamen Zeit ist anstrengend, laut, konfrontativ, provokativ – einfach furchtbar. Und vor allem so fürchterlich weit weg davon, wie wir uns Familie wünschen.

Sicherlich kann nicht immer Harmonie herrschen, aber unser Familienleben ist ein einziger Kampf. Und irgendwie sind wir alle die Verlierer. Es geht so unglaublich viel gemeinsame Zeit verloren, die niemals wiederkommt. Nicht selten weine ich abends deshalb. Abgesehen davon habe ich ehrlich Angst, dass diese Aggressivität und Gewaltbereitschaft mit zunehmendem Alter zu einem immer gravierenderen Problem wird.
(Quelle: Fragen an Jesper Juul, dänischer Familientherapeut und Autor von über 25 Büchern von über 25 Büchern zu den Themen Kindererziehung, Familienleben und Pubertät)

Die Wissenschaft hat als Ursprung aggressiven Verhaltens sowohl genetische Faktoren als auch nach der Geburt Erworbenes ausgemacht. Im Allgemeinen zeigen Jungen drei- bis viermal häufiger aggressives Verhalten als Mädchen. (Bei Mädchen ist aggressives Verhalten jedoch schwieriger zu beobachten, da sich das Verhalten selten im körperlichen und vermehrt im verbalen Bereich äußert.) Dabei kann sich das Verhaltensmerkmal Aggression durch viele Generationen vererbt haben und leider ist etwas dran an der These, dass aggressive Eltern auch oft aggressive Kinder haben.

Wichtiger aber als die Vererbung ist das Umfeld der Kinder. Kinder übernehmen bestimmte Verhaltensmuster, d. h. aggressives Verhalten wird durch Lernen erworben und aufrecht erhalten.
Das Verhalten stabilisiert sich, wenn sich aggressives Verhalten für das Kind praktisch lohnt und es durch aggressive Handlungen ein bestimmtes Ziel erreicht. Die kleine Laura will beispielsweise Gummibärchen vor dem Abendbrot. Ihre Mutter erklärt es ihr, aber dennoch zeigen sich erste Anzeichen eines Wutanfalls. Lauras Mutter lenkt ein und gewährt dem Kind das Gewünschte. Dadurch hat sie ungewollt das Verhalten gestärkt. Laura wird dieses Verhalten wahrscheinlich beibehalten und eine immer geringere Toleranzschwelle entwickeln.

Darüber hinaus haben aggressive Kinder oft Probleme in der Informationsverarbeitung. Sie interpretieren Situationen falsch, unterstellen anderen Personen schnell böse Absichten, wodurch die Bereitschaft zum Hauen, Kneifen oder Treten erhöht wird. Der Teufelskreis besteht darin, dass stänkernde, schlagende Kinder den Familienablauf stören und sich auch selbst als Störenfried fühlen. Durch das Schimpfen und Bestrafen der Eltern werden sie sich ihrer Zuwendung unsicher, was leider zu einer Verstärkung des aggressiven Verhaltens führt.

 

Was also kann man tun?

Juul vertritt in seinem Buch „Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie“ die These, dass Kinder vor allem empathische Führung benötigen, d.h. Eltern brauchen einen Führungsstil, müssen Regeln klar durchsetzen und eindeutig sein. Dazu gehört selbstverständlich einzugreifen, wenn dem einen Kind körperliche Schmerzen zugefügt werden. Generell sollte man sich aus den kindlichen Kämpfen nicht raushalten, sondern den Kindern zeigen, wie Konflikte gelöst werden.

Dazu ist es wichtig, nicht Schreiend und Tobend dazwischen zu gehen, sondern in einem ruhigen Rahmen – beispielsweise beim Abendbrot – das Thema zu besprechen. D.h. konkret sagen, dass man so viel Streit nicht gut findet und das auch nicht akzeptieren kann. E gibt friedvollere Lösungen. So kann den Kindern klar gemacht werden, dass der Streit (auch durch räumliche Trennung) vom Erwachsenen nach eigenem Ermessen unterbrochen wird und jedes Kind seine Meinung dazu kund tun kann. Dann sucht man gemeinsam nach einer Lösung, sofern das Problem sich bis dahin nicht sowieso schon aufgelöst hat. Wichtig ist, nicht mit Ärger oder Kritik einzugreifen, denn das vergrößert bei allen nur den Stress und die Hilflosigkeit, was zum Ende eher zu noch mehr Konflikten führt.

Nach Hartmut Kasten (Psychologe und Autor von „Geschwister“) und dem Kinder- und Jugendpsychiater Joest Martinius sollten sich Eltern vor allem einige Themen bewusst machen, die bei der Klärung von Streit und Aggression helfen:

Harmonie ist nicht zu erzwingen

Ein friedliches Familienidyll ist utopisch. Jede Kind nimmt in der Familie seinen eigenen Platz ein, d.h. besser Integration statt Harmonie.

Ein gesundes Maß an Rivalität

Je jünger Kinder sind und je geringer der Altersabstand, umso heftiger ist die Konkurrenz um die Zuwendung der Eltern. Diese Form von Aggressivität wirkt sich selten auf das spätere Sozialverhalten aus, aber Eltern sollten den Prozess nicht verstärken, z. Bsp Vergleiche.
Klare Regeln

Regeln schaffen einen sicheren Rahmen, in der sich Identität, Gemeinsamkeiten und Streitkultur entwickeln können. So sind Rückzugszonen zu klären, ebenso die Grenze beim Spiel, wo endet der Spaß, was tut man nicht? Wichtig ist aber, dass alle Regeln konsequent überwacht werden müssen.

Gerechtigkeit in Perfektion

Es gibt keine hundertprozentige Gerechtigkeit. Nicht alle bekommen das Gleiche, aber jedes Geschwisterkind bekommt, was es braucht. Fühlt sich ein Kind dennoch ungerecht behandelt, sollten Eltern nicht einlenken. „Besser mit etwas Abstand die Gründe erklären“, rät Martinius.

Der „ideale“ Altersabstand

Als ideal gilt ein Altersabstand von etwa drei Jahren. Liegt er unter zwei Jahren, steigt die (vorübergehende) Aggressivität der älteren Geschwister gegen die jüngeren. Eine Person, die dann besonders intensiv auf das ältere Kind eingeht, ist wünschenswert. Abstände von mehr als acht Jahren verhindern in der Regel eine starke Identifizierung der Geschwister.

Die Großen und das Nesthäkchen

Je nach Geburtsfolge haben Geschwister besondere Bedürfnisse, die Eltern nicht ignorieren sollten. Profan ausgdrückt: ruhig dem „altklugen“ Erstgeborenen Verantwortung zubilligen und dem nervigen „Sandwich“-Kind eine Extraportion Aufmerksamkeit geben.

Die Familie ist ein komplexes Gebilde

Geschwisterzahl, Erziehungsstil, Ehekrisen – die Stimmung in einer Familie wird durch viele Faktoren beeinflusst. Dem sollte man bewusst nachgehen, damit mögliche Ungerechtigkeiten oder vorschnelle Urteile aus bleiben.

Übrigens: im Fall der verzweifelten Mutter mit den 4 bzw. 5jährigen Geschwisterkindern rät der Experte zu einer Familientherapie. Ist die Führungsrolle der Eltern erst einmal derart angezweifelt und quasi nicht mehr vorhanden, hilft, diese Rolle wieder von außen aufzubauen…

Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie

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