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Kolumnen

Adieu Jammertal

 

Die Belgier hatten es ausgerufen. „30 Tage ohne Meckern – „30 Dagen Zonder Klagen. Spannend eigentlich, aber ist das wirklich machbar? Schließlich ist ein wenig Mosern, Fluchen, Schimpfen und Meckern fast ein Automatismus, so wie Essen, Schlafen, Atmen und der Wimpernschlag. Kann man sich einen derart natürlichen Vorgang aussuchen? Schließlich ist er in uns tief verwurzelt – sowohl im Erbmaterial (ich bin mir sicher, es gibt ein Mecker-Gen, das bei bestimmten Menschen besonders intensiv ausgeprägt ist) als auch in unserem Kulturellen, dem laut Jammernden Aufmerksamkeit zu schenken. Hat er vielleicht sogar Recht, wenn er nur noch lauter mosert?

Sobald etwas nicht gelingt und das Kind klagt – über die misslungene Schuhschleife, den verkrempelten Ärmel, die komische Lehrerin und die blöden Hausaufgaben, schenken wir ihm Gehör, greifen ein, muntern auf. Wenn die eigentlich super faule Kollegin bei ihren Projekten lauthals verkündigt, dass sie Unterstützung braucht und alles sooooo umfangreich und soooo schwierig ist, bekommt sie eine helfende Hand dazu oder sie arbeitet mit weniger Projekten weiter. Ergo: Jammern zahlt sich häufig aus. Und das in einem Land, wo Jammern scheinbar generell hoch im Kurs steht. Wir jammern gern auf hohem Niveau – auch wenn es im direkten Vergleich mit den Ärmsten, Benachteiligt, Verfolgten, Kriegsgerüttelten und Hungernden dieser Welt nichts zum Jammern gibt.  Eigentlich geht es uns gut.

Aber dennoch muss man sein Befinden Kund tun. Etwas zum Mosern findet sich immer – egal ob man mein Blick in den Spiegel sein eigenes Ich gern aufpolieren möchte, der Kopfschmerz zuschlägt oder bei Netflix ein Lizensierungsproblem aufgetreten ist. Gern hätte man es anders und besser. Besser ist immer gut.

Aber ich habe es probiert, in aller Ernsthaftigkeit. Allerdings kommt man sehr schnell an den Punkt, wo man sich fragt, ist „was für ein Kack-Wetter heute“ Meckern oder eine Feststellung. „Boh, die Kinder sind ja heute wieder drauf.“ ist im weitesten Sinne eine Stimmungsbeschreibung mit einem leicht negativen Unterton. Und ein „Jetzt fahr Du Blödmann. Es ist grün und ich habs eilig.“ Kann man auch als impulsive Lautäußerung im allgemeinen Straßenverkehr interpretieren.

Richtig geflucht habe ich letzte Woche eigentlich nur, als ich im Dunkeln, den Bio-Müll in der Hand, über die Kante der Terrasse gestolpert bin, ins Straucheln geriet und mit dem Knie schmerzhaft auf die Kieselsteine schlug. „Was für ein Mist. Wer hat sich denn einfallen lassen, hier Kieselsteine zu machen. Und wieso gibt’s hier noch diese Betonkante? Das ist eigentlich ein Unding.“ Als ich in die Küche kam, erzählte ich dem Herzallerliebsten – ein wenig Mitgefühl erwartend – davon. Aber statt einer Umarmung und eines tröstenden Wortes empfing mich ein hämisches Grinsen und ein Kommentar ähnlich… „Das passiert aber auch nur Dir.“ Na, danke schön, dachte ich. Und dann meckerte ich in der Tat sehr viel und sehr leise als ich im Bad die zerrissene Strumpfhose in den Müll warf und mir das Blut wegwischte. Mann ey – ich hatte Blut. Da kann ich doch wohl etwas Anteilnahme erwarten. Das tut doch echt weh. Was gibt’s denn da zu Grinsen? Und wieso ist da überhaupt diese dumme Kante? Und warum musste auch ich den Bio-Müll rausbringen? … manchmal hat mans eben einfach schwer.

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz


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