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Achtung: Hilfe nur eingeschränkt verfügbar

Wie verzweifelt war ich, als das kleine Menschenkind auf die Nase gefallen war und ich vor lauter Blut und Geschrei gar keine richtige Nase mehr sehen konnte. Ich versuchte nicht panisch zu werden, rief den Kinderarzt an (super, immer nur das Besetztzeichen). Ich rief die Kinderchirurgie an (die sich dann für Notfälle nicht verantwortlich zeichnete) und wurde nach endlosen Minuten in die Notfallambulanz verwiesen. Kind trösten. Selbst nicht hyperventilieren. Ihr und mein Atem ein hektisches Durcheinander, überall Blut gemischt mit Tränen, viele Tränen. Also nahm ich die Maus auf den Arm. Der Mann stand schon mit Auto vor der Tür und wir fuhren los. Alles ging viel zu langsam, und die Fahrt fühlte sich unendlich an. Noch heute höre ich in der Erinnerung wie mein Herz hämmert und merke wie die Augen wieder feucht werden. Unfassbar schrecklich, wenn man sieht wie das Kind Schmerzen hat und man selbst machtlos ist. Ich schreie den Verkehr an, schreie den Mann an ob er nicht schneller kann. Aber er kann nicht.

Endlich stürze ich in die Notfallambulanz. Anmeldeformalitäten. Wartezimmer. Das Kind hockt wimmernd an meiner Brust und ich nicht minder wimmernd, ungeduldig, verzweifelt und wütend auf dem Stuhl. Ja, ich war wütend. Wie konnten die Krankenschwestern uns auf den Platz im Wartezimmer verweisen, wenn doch jede Minute zählte? Mein perfektes kleines Mädchen schwer verletzt und überall Leute mit Gips und eine Dame mit einem dicken Handgelenk. Gips und dickes Handgelenk können doch wohl warten. Bei meinem kleinen Mädchen schwoll inzwischen Nase und Gesicht so an, dass sie Mopsähnliche Züge annahm. Kann man da nicht nur was tun, wenn nicht alles zugeschwollen ist? Sieht man da überhaupt noch, was genau kaputt gegangen ist? Gedankenkreisel inmitten von weiß bekleidetem Personal, das für mein Empfinden damals schmerzlich langsam war.

 

Sie wurde behandelt. Sie wurde gesund. Aber wie wäre das in Zukunft?

14 Notfallaufnahmen sollen in Sachsen geschlossen werden. Denn: 39 Notaufnahmen in Mitteldeutschland (14 in Sachsen und Thüringen sowie 11 in Sachsen-Anhalt) sind rein wirtschaftlich betrachtet nicht effektiv genug. Das sieht ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen vor. Die verbleibenden Notfallkliniken sollen dafür ausreichen und garantieren, dass sie die Patienten angemessen betreuen können. Aber wie soll man eine Behandlung garantieren, wenn man jetzt schon übervoll ist? Vier Stunden Wartezeit statt zwei (kennt man ja schon vom Kinderarzt)? Sollte eine Notfallbehandlung nicht schnell erfolgen (sonst wäre man ja kein Notfall)? Ja, gesetzlich sind zwölf Minuten vorgeschrieben. Aber wie beispielsweise Susanne Schaper vom Landtag beklagt kann das bereits jetzt kaum eingehalten werden, d.h. konkret kann „schon jetzt in Teilen Sachsens die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist von zwölf Minuten nur in 75 Prozent der Fälle eingehalten werden. Eine weitere Ausdünnung des Netzes etwa durch Schließung von Krankenhaus-Notaufnahmen setzt Menschenleben aufs Spiel.“ Das sei inakzeptabel, so Schaper.

Zahlen vor Menschenleben – das scheint das Motto. Aber nur Menschen machen die Zahlen überhaupt möglich. Wir alle finanzieren Krankenkassen und Ärzte natürlich in der Hoffnung und in dem Glauben, dass uns und den Kindern geholfen wird. Schließlich stellen die Krankenkassenbeiträge aufs Jahr hochgerechnet ein stolzes Sümmchen dar, welches eben nicht für Urlaub, Auto oder Musikschule zur Verfügung steht. Egal, denkt man. Die Gesundheit geht vor. Gesundheit ist wichtig. Mit der aktuellen Festlegung gilt das aber nur noch eingeschränkt. Notfall-Krankenhäuser müssen nämlich zukünftig über eine chirurgische und eine innere Abteilung verfügen. Zudem ist eine Intensivstation mit mind. drei Beatmungsbetten vorgeschrieben. Von den heute 1748 Krankenhäusern bundesweit sollen künftig nur noch 1120 entsprechende Zuschläge bekommen. Ergo: 628 Häuser könnten aus der Notfallversorgung herausfallen, wenn es keine Ausnahmeregelungen gibt.

Da kann man nur hoffen, dass man für sich selbst und die Mäuse nicht auf schnelle Hilfe angewiesen ist, dass sie bitte nicht vom Klettergerüst fallen, sich die Hand nicht in der Autotür klemmen oder beim Sport die Knochen brechen. Keine tiefen Schnittwunden, keine allergischen Reaktionen, keine Verbrennungen, Verbrühungen, Erfrierungen, ganz zu schweigen von Objekten, die in Körperöffnungen stecken könnten oder verschluckt wurden…. Bitte Kinder tut es nicht!

Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen noch zur Besinnung kommen und sich genug Menschen finden, die rebellieren.

 

Auf das Leben! Hilfe jederzeit erbeten!

 

Ihre/Eure Sabine Henriette Schwarz

 

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