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Abbruch – wenn einem der Kontakt zu den eigenen Eltern nicht gut tut

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Eltern sollten verlässliche, vertraute, liebevolle, mitfühlende Wegbereiter und Wegbegleiter sein. Das Gefühl von Geborgenheit und Nähe vermitteln. Sie sollten nach Kuscheln riechen und sich nach Trösten anfühlen. Nichts ist im Menschenleben so wichtig wie die eigenen Eltern. Ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Regeln. Deshalb haben sie auch die Macht, das Kind – egal wie alt es sein wird – zu beschädigen. Egal ob in physischer oder psychischer Hinsicht. Narben, die Eltern verursachen, heilen schlecht – eigentlich nie. Aber auch schlechte Eltern sind Eltern. Man kennt nur die eigenen und sieht vielleicht im Vergleich mit Freunden wie schön es auch sein kann – ohne Gewalt, ohne Schreien, ohne Drohungen, ohne eingesperrt zu sein. Aber oft braucht es Zeit und Abstand, um sich einzugestehen, dass die eigenen Eltern nicht gut tun.

Oft ist der komplette Kontaktabbruch die Folge. Freiwillige Waisen – so wie unter „Essential Unfairness“ beschrieben:

Vor rund fünf Jahren sprach ich das letzte Mal mit meiner Mutter. Es ist nun drei Jahre her, dass ich mich auch gegen einen weiteren Kontakt zu meinem Vater entschied.

Wie geht es mir damit eigentlich? Nun ja. Gemischt. Ich trauere, weil ich nie so eine Mutter hatte, wie ich sie mir vorstelle: Eine liebende, mich wohlwollend betrachtende und verantwortungsbewusste Frau, die für mich da ist, mit der ich mich austausche und die mein Leben durch ihre Persönlichkeit bereichert. Manchmal nervt, mich Dinge lehrt, mit der ich Konflikte austragen und mit der ich gemeinsam wachsen und reifen kann.

Ich würde mich gern ein wenig gestützt und beschützt fühlen. Durch eine Mutter an meiner Seite. Ich würde gerne manchmal anrufen und sagen: „Hey, Nummer 1 hat heute eine 2 in Französisch mitgebracht!“ und sie würde sagen: „Wow, toll, da hat sich das ganze Üben ja gelohnt. Gib sie mir doch mal eben, ich will sie unbedingt loben!“

Oder ich hätte sie letztes oder vorletztes Jahr angerufen und gesagt: „Puh, Mama, ich bin echt fertig und angestrengt. Die Kinder, das Baby, die Hyperthyreose, der Wasserschaden. Meine Ärztin befürchtet, ich könnte total erschöpfen …“ und sie hätte gesagt: “Ach Mensch, ja, ich weiß. Das ist aber auch alles viel für dich. Ich komm vorbei und schaue, wie ich dir helfen kann, okay?“

Ich vermisse in der Tat auch diese beiden Menschen, mit denen ich die ersten zwanzig Lebensjahre unter einem Dach verbrachte.
Und doch betrauere ich am meisten das, was ich niemals hatte:

Ich habe kaum schöne Kindheitserinnerungen. Kaum eine Erinnerung daran, wie ich ganz losgelöst und unbelastet war. Dauernd fühlte ich mich nicht gut genug, war innerlich gehetzt und dachte, ich sei nicht viel wert. Ich war immer auf der Hut vor Launen, Stimmungsschwankungen und den verschiedenartigen Attacken sowie Ausbrüchen, die das nach sich zog. Mal diese subtilen Untertöne, mal direktes Lächerlich machen, dann wieder totale Begeisterung für mein Tun und kurz darauf eben wieder Frustration und Wut. In einer solchen Gesellschaft wächst man nicht unbesorgt auf.
In Wahrheit war es mehr als nur der Mangel an Stabilität: Ich war ein tief, tief traumatisiertes Kind, das Jahrzehnte brauchte, um aufzuarbeiten, was passiert ist…

Aber kann man das wirklich? Kann man aufarbeiten oder trägt man es bis zu seinem Lebensende wie einen unsichtbaren Rucksack mit sich rum? All die unerfüllten Hoffnungen und Wünsche, das Märchenbild von der heilen Familie und der Gedanke: Warum ich? Hilft es den Schein zu wahren – mit einem höflichen Anruf zu Weihnachten und zum Geburtstag? Hilft es wirklich, Fotos von den eigenen Kindern zu schicken, auf die man unendlich stolz ist? Was bringt es?

frau_traurig_weinen„Nichts Gutes.“ sagen Betroffene, die sich entschieden haben. „Nur etwas Schein. Und dafür gebe ich nichts auf. Nicht mehr. das habe ich Jahrzehnte lang getan. Um mich am Ende ungeliebt zu fühlen und zu begreifen, dass ein Mensch wie sie tragischer Weise niemals wirkliche Liebe empfinden kann. Das ist sehr traurig“

Übrigens, laut „medizin-im-text, dem Blog rund um die Psychosmatik“ erkennen die wenigsten dieser Eltern ihre Fehler und gestehen sie ein. Da war nie was!“, sagen sie, wenn sie gefragt werden, warum ihre Kinder den Kontakt abgebrochen haben. „Naja“, fügen sie hinzu, „vielleicht war nicht immer alles so gut, aber deswegen muss man nicht den Kontakt abbrechen.“ Fragt man die Kinder, erzählen sie relativ oft, wie sie zu Hause in ihr Zimmer geschlossen oder geschlagen wurden. Was Kinder und Eltern über die Vergangenheit erzählen, unterscheidet sich oft stark. Schuld- und Schamgefühle spielen dabei eine große Rolle.

Eltern, die ihre Kinder anschreien, verprügeln oder mit Liebesentzug bestrafen, fühlen sich oft furchtbar schlecht. Sie fühlen sich hilflos, alleingelassen und verzweifelt. Manche Eltern sind von ihren eigenen Taten traumatisiert. Sie tun alles dafür, um zu verdrängen, was passiert ist. Um mit dem vergangenen Verhalten zurecht zu kommen, versuchen sie, es innerlich zu entschärfen. Die Kinder hingegen erinnern sich genau daran, was passiert ist.

Als die Kinder Gewalt erfuhren, waren sie eben noch Kinder, das heißt, sie waren schwächer und kleiner, sodass das Erlebte einerseits noch traumatischer wirkt. Und das Schlimme ging von den nahesten Menschen aus: den Eltern. Sind die gewalterfahrenen Kinder groß geworden, wünschen sie sich, dass die Eltern anerkennen, was sie getan haben und dass sie sich dafür entschuldigen. Diese entlastende Erfahrung bleibt für viele jedoch aus. Viele Eltern können dem Kind nicht in der Form antworten, wie die Kinder es sich wünschen. Teilweise haben sie jahrelange Verdrängungsarbeit geleistet, teilweise sind Schuld und Scham immer noch zu groß, als dass sie darüber nachdenken könnten. Es ist schwierig, hier zu sagen, was helfen könnte. Wichtig ist es, den eigenen Schmerz anzuerkennen und auch die Enttäuschung zu spüren. Oft hilft es, einen „nachträglichen Zeugen“ zu finden, also z.B. dem Partner oder einem Therapeuten von den Erlebnissen zu erzählen. Im Nachhinein nicht mehr allein mit dem Schmerz zu sein, kann sehr entlasten.


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