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Hochsensibilität – Was heißt das und wie damit umgehen?

Hochsensibilität - Was heißt das und wie damit umgehen?

„Ihr Kind ist eben ein Sensibelchen.“ oder „Sei nicht so, so schlimm ist es nicht.“ oder „Das Kind muss man ja wie ein rohes Ei behandeln.“

Es sind diese Art von Sätzen, die Hochsensible oder Eltern von solch Superkräfte-Kinder gern zu hören bekommen. Ja, Superkräfte-Kinder. Die Bezeichnung borgen wir uns einfach mal vom Buch Henry mit den Superkräften – oder warum in jedem Kind ein Held steckt. Dabei kann Kind, Mensch gar nichts dafür.

Hochsensibilität ist ein Phänomen, bei dem Betroffene einfach stärker als der Durchschnitt auf Reize reagieren, sie nehmen diese viel intensiver wahr und versuchen sie zu verarbeiten. Dabei ist die Bandbreite möglicher Erscheinungsformen von Hochsensibilität sehr groß – so kann jeder Sinneseindruck stärker und damit detaillierter wahrgenommen werden.

Oft geht dies auch einher mit einer höheren Intensität des Empfindens von Stimmungen der Mitmenschen, so dass schlechte Laune, Verstimmungen oder Aggressivität fast körperlich spürbar werden, was wiederum zu einer Reaktion führt: beispielsweise bei Kindern zu der Verweigerung von Essen, sie hören auf zu reden und verstummen oder sie reagieren mit einem heftigen Gefühlsausbruch.

Auch wenn die Hochsensibilität immer noch viele Fragen aufwirft, kann man objektiv viele HS-typische Eigenschaften festlegen, welche von der amerikanischen Psychologin E. Aron erstmals systematisch aufgeführt wurden. Übrigens: 15-20% aller Menschen sind hochsensibel…

Hochsensible Menschen zeichnen sich durch folgende Punkte aus:
  • intensives Empfinden und Erleben
  • ausgeprägte subtile Wahrnehmung (vielschichtige Fantasie und Gedankengänge)
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • detailreiche Wahrnehmung
  • hohe Begeisterungsfähigkeit, sehr vielseitige Interessen
  • sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis
  • psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt)
  • stärker beeinflussbar durch Stimmungen anderer Menschen
  • ausgeprägtes intuitives Denken
  • langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten
  • Denken in größeren Zusammenhängen
  • ausgeprägter Altruismus, Gerechtigkeitssinn
  • Harmoniebedürfnis, Gewissenhaftigkeit
  • Intensives Erleben von Kunst und Musik
  • Perfektionismus

Mutter und Tochter

„ Aber was bedeutet das genau? Was bedeutet es, hochsensible Kinder zu haben und diese großzuziehen?

Nun, an erster Stelle sollte man ehrlich zu sich selbst sein, denn oft sind ein oder beide Elternteile ebenfalls hochsensibel. Durch die vielen Jahre der Erfahrung haben sie jedoch gelernt damit umzugehen und Mechanismen entwickelt, um mit dieser besonderen Feinfühligkeit klar zu kommen. Ist man sich nicht sicher oder will man einen Hauch Gewissheit haben, helfen die von Aron entwickelten Fragebögen…

Wichtig aber: Es ist keine Krankheit. Es ist ein Wesenszug. Man sollte ihre Stärke erkennen und nicht ihre Einschränkung (wie es in der Vergangenheit oft der Fall gewesen ist)

https://hochsensitive.wordpress.com/tests/

Hochsensible Kinder erfahren ihre Welt einfach differenzierter und zugleich intensiver. Als Eltern sollte man sich hineinfühlen und verstehen, dass es oft gezielte Unterstützung braucht, um sich verstanden zu fühlen. Nachfolgend haben Petra Neumann und Rolf Sellin folgende Themen zusammengefasst, die es zu berücksichtigen gilt:

1. Überidentifizierung

Auch wenn man als Eltern sein Kind am allerbesten kennt, wenn man weiß, wie es fühlt und denkt, so ist das Kind ein eigenständiges Individuum. Man kann zwar seine Freude und seinen Schmerz mitfühlen, aber es ist eine andere Person.
Egal, wie sehr man meint, sich selbst in ihm wiederzufinden – das Kind steht für sich ganz allein und darf deshalb seine eigenen Erfahrungen machen.

2. Überbehütung

Die Aufgabe als Eltern ist es, dem jungen Menschen Selbstvertrauen und Zuversicht beizubringen. Man sollte hilfsbereit und motivierend dabei sein und begleiten. Doch man kann kein Schutzschild gegen alles Negative sein – gegen alle Zumutungen, Verletzungen und Gefahren.

3. Abhärtung und sich wehren

Hochsensible Kinder trauen sich manchmal einfach nicht, sind schüchtern, brauchen länger – egal ob im Sport oder bei alltäglichen Handlungsfolgen. Als Eltern ist man ungeduldig und versteht das Problem dahinter nicht. Aber Sätze wie „Stell dich nicht so an!“ „Jetzt reiß dich zusammen, die anderen können’s auch!“ helfen in dem Fall nicht. Statt unterstützend tätig zu sein, schüchtern sie noch mehr ein, wirken als destruktive Kritik.

Darüber hinaus haben die meisten Jungen und Mädchen viel Spaß an kleineren Rangeleien. Spielerisch kämpfen sie und trainieren somit Kraft und Körperbeherrschung. Bei hochsensiblen Kindern ist das zumeist nicht der Fall. Sie halten sich eher zurück, verstehen die Aufforderungen der anderen nicht und gehen diesen Rangeleien lieber aus dem Weg. Offensichtlich gehört es nicht zu ihrem Wesen, sich zu behaupten. Sie neigen eher dazu, ausgleichend zu sein und harmonisierend zu wirken.

4. Kritik

Wenn man besonders empfindsam ist, neigt man auch dazu, sehr selbstkritisch zu sein. Grund dafür ist ein innerer Konflikt, der bei hochsensiblen Menschen typisch ist: auf der einen Seite steht das Streben nach absoluter Perfektion. Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass alles Streben zum Scheitern verurteilt ist. So können stille, konzentrierte kleine Baumeister plötzlich im Angesicht der Bauklötzer schreiend und tobend auf dem Boden liegen oder wütend und kaum zu beruhigen durch die Wohnung toben.

Hinterher schämt sich das Kind oder resigniert.

D.h. das Kind ärgert sich enorm, wenn etwas nicht so oder so schnell gelingt wie selbst gedacht. Deshalb sollte man mit der Elternkritik vorsichtig sein. Das Gegenteil ist übrigens auch der Fall. Den Nachwuchs zu glorifizieren schadet nicht nur, es macht die Eltern auch unglaubwürdig. Hochsensible Kinder können ihre Leistung meist selbst sehr gut einschätzen. Nur ein ehrliches Lob ist auch ein wirkliches Lob.

Kritik Sensibel

5. Zu viel von allem

Wie bei allen Kindern, gibt es den Moment, wo Eltern einfach nicht mehr können und eine kleine Auszeit brauchen. Nicht nur die Kinder sind sensibel und überreizbar. Als Eltern ist man es ja auch, und dies darf man ruhig zugeben. D.h. nicht einfach so tun als ob man dem Kind zuhört, nicht einfach daneben sitzen und abwesend aus dem Fenster schauen. Dafür lieber sagen, dass man kurz zehn Minuten für sich braucht, um sich dann wieder auf das Kind, all seine Fragen und Sorgen konzentrieren zu können. Der ehrliche Umgang auch in jungen Jahren hilft.

6. Forderungen im Sinne von „Du musst“

Eigentlich muss man, als Familie betrachtet, nicht viel. Es gibt zwar jede Menge Forderungen und Regeln, die von der Geburt an auf die Eltern einstürmen (wann und wie Stillen, wann und wie Beikost, wann laufen lernen etc.), aber letzten Endes darf man in der Familie selbst die wichtigen Regeln und Forderungen an die Kinder aufmachen. Kein Kind kann gezwungen werden die Oma zu küssen, wenn man die Oma nicht leiden kann. Kinder dürfen traurig sein, sich zurückziehen, keinen innigen Kontakt zulassen.

Als Eltern sollte man sich von solch äußeren Forderungen möglichst frei machen und statt dessen auf sein Bauchgefühl hören. Ein ehrlicher, liebevoller, wohlwollender und verständnisvoller Umgang ist das Ziel, der auch klare Regeln für das Kind aufzeigt, aber mit unsinnigen Ansprüchen so wenig wie möglich zu tun hat.

Kunst Therapie

7. Die Wahrnehmung ist immer eine eigene

Die Wahrnehmung von hochsensiblen Kindern sollte nicht übergangen oder gar von den Eltern abgelehnt werden. Egal ob aus erzieherischen Grünen oder weil sie gegen soziale Konventionen verstößt. Wenn das Kind etwas so wahrnimmt, dann ist es so. Die Ablehnung der Eltern lässt es an sich zweifeln. Die Kinder leben dann sozusagen nicht in ihrer Wahrnehmung, sondern in dem, was die Eltern ihnen sagen – es ist die Welt der Eltern, aber nicht die Welt der Kinder. Bsp: negative Eigenschaften oder optische Makel bei Mitmenschen dürfen oft nicht kommuniziert werden oder werden von den Eltern heruntergespielt.

8. Grenzen

Wenn ein Kind zu eng begrenzt ist, wird es geschwächt. Wenn das Revier aber zu groß ist, wird es schnell überfordert. Zu viel Freiheiten und Verantwortung schwächen ein Kind ebenso wie zu wenig Selbstständigkeit. Deshalb gilt es für Eltern von hochsensiblen Kindern in besonderem Maße zu schauen, was hat gut funktioniert, was klappt noch nicht? Wo verläuft die Grenze aktuell zwischen Unter- und Überforderung.

Konflikt

Fingerabdruck

 

Auch wenn es manchmal schwer ist, die enorme Wahrnehmung ist eine Begabung, eine Stärke und ein Vorteil, der beispielweise im Tierreich das Überleben sichert. Es macht Sinn, sich über hochsensible Kinder und ihre Bedürfnisse, die Art wie sie die Welt sehen, Gedanken zu machen. Es macht auch Sinn, sich selbst im Spiegel zu betrachten und möglicherweise kann die Literatur ein wenig helfen…


Mein Kind ist hochsensibel – was tun? Wie Sie es verstehen, stärken und fördern von Rolf Sellin


Henry mit den Superkräften: …oder warum in jedem Kind ein Held steckt von Petra Neumann

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