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Kolumnen

1 Jahr oder der Mittelpunkt der Welt

Die Sonne scheint, fast schon ein wenig zu viel, und ein sommerliches Urlaubsgefühl macht sich bei mir breit. Da beobachte ich die Natur, mich, die Menschen um mich herum noch ein wenig mehr als sonst und freue mich gerade wahnsinnig über die kleine zweiundachtzig Zentimeter große Rakete, die bei uns lebt. Ist es nicht schön, wenn man furchtlos, frei und froh, fast immer fröhlich und begeistert, fast schon überschwänglich jeden neuen Tag begrüßt? Vorausgesetzt, es gab direkt beim Augenaufschlag einen Guten-Morgen-Schluck gegen den ersten Hunger und den Durst (nein, nicht in alkoholischer Form, wie es mitunter wohl bei älteren Herrschaften notwendig sein soll).

Ich finde, ein kleiner Mensch, der nach dem ersten Jahr erfolgreich unter seiner Familie wandelt oder rasant zwischen den Beinen seiner Mitmenschen durchkrabbelt, rollt oder hinkt ist fast wie eine Überraschungskiste voller Freude und Abenteuer. Auch der grimmigste Nachbar und die mürrischste Verkäuferin können sich diesem Zauber schwer entziehen. Und gelingt es ihnen doch, fühle ich mich als Mama fast schon beleidigt. Wie kann man diesem Strahlen wiederstehen?

Eine kleine Knutschkugel zum Verlieben, die in meinem Einkaufswagen sitzt, neugierig in die Welt schaut, so lange zetert bis sie endlich eine Weintraube zu essen bekommt und alles, wirklich alles, ausprobiert oder in irgendeiner Form zum Spielen gebraucht. Gut, dass die kleinen Forscher so niedlich sind, sonst würden die täglichen Eskapaden wahrscheinlich trotz mütterlicher Endlosliebe geahndet werden. Zumindest schwant mir, die Natur hat es mit großen Kulleraugen, fast zahnlosem Lächeln zum Dahinschmelzen und wilden Fusseln, die später einmal wohlsortiertes Haupthaar werden, extra so eingerichtet, dass man nicht böse sein kann.

Lediglich ein leises Zähneknirschen kann ich mir nicht verkneifen als der wohlsortierte Papiermüll am Rande der Küche nach einem unbeobachteten Moment nicht mehr ganz so wohlsortiert ist. Wie schnell man doch Küchenpapier in winzig kleine Schnipsel reißen kann? Ähnlich sieht es mit dem WC-Papier aus, dass normalerweise neben der Toilette fein ordentlich angehangen ist. Neuerdings muss dieses von unserem Besuch gesucht werden, nachdem ich es vorher oben im Regal deponiert habe. (Tut mir Leid, lieber Besuch, aber in Windeseile wird sich sonst die komplette Rolle in den angrenzenden Zimmern ausbreiten. Das Kind kann ausrutschen, ich würde dazu stürzen, um zu helfen, und zum Schluss liegen wir beide nieder und brauchen Pflege oder Gips. Nicht auszudenken.) Mit großer Begeisterung nehme ich neuerdings auch zur Kenntnis, dass Schranktüren (selbst jene mit Schlüssel) geöffnet werden können. Schade eigentlich, dass die Wäsche – einst in kleinen Stapeln aufgereiht – anschließend so gemixt und bunt als wilder Haufen auf dem Boden verteilt ist. Ausgenommen  die kleine braune Hose mit den Affen, die fälschlicherweise als Kopfbedeckung herhalten muss. Ähnlich verhält es sich mit dem Schuhschrank. Ganze fünfundzwanzig Minuten (ich habe auf die Uhr gesehen) konnte der das Interesse  des kleinen Menschenkindes fesseln. Wie es danach aussah? Nun ja, wenn man es schön reden will, sieht es nach Schuhparty aus. Bei einem kritischeren Blick, ist es einfach nur ein großes zerstreutes Gesamtkunstwerk aus Leder, Gummi, Stoff und Sand, der noch in den Sohlen hing.

Ich muss an den Zauberlehrling denken: „Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben! Und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben….“ Wie schön wären doch ein paar helfende Geschöpfe, die in Windeseile sortieren und alles wieder in Ordnung bringen. Aber was schon bei Goethe in einer wässrigen Katastrophe endete, würde sicher auch in diesem Fall schief gehen. Also hänge ich meine Rakete um und sortiere selbst. Umhängen ist zwar prima, allerdings nur bei großer Müdigkeit oder inmitten von Menschenmassen, wo es immer etwas zu beobachten gibt. Jetzt, da man sich schon selbst auf den dicken Beinchen halten kann, hält sich die Begeisterung in Grenzen.

Das Kind will laufen. Immer. Egal wo. Unabhängig wie oft es hinfällt. Kurz vor dem Zu-Bett-Gehen ähnelt es oft einem kleinen betrunkenen Halunken, der torkelnd einige Schritte unternimmt, um dann doch nur nach hinten oder zur Seite zu kippen. Immer wieder wird wortwörtlich der „Aufstand“ geprobt und manchmal gelingt es auch, feste Inseln zu erreichen wie den Hocker, die Couch, mein Bein oder den Rockzipfel. Übrigens kann ich an dieser Stelle nur vor letzterem warnen. Ein Rockzipfel ist verführerisch.  Auch beim Bäcker, wenn man gerade in der einen Hand das Brot und in der anderen das Portemonnaie mit dem offenen Kleingeldfach hält. Da kann es dann passieren, dass der Rock mit flexiblem Gummibund dem Kinde nicht standhält und man schneller als gedacht im Schlüppi dasteht.

Schnell reiße ich den Rock wieder hoch. Das Kind lacht. Nein, ach was, ich bin nicht peinlich berührt und überlege noch schnell, was ich denn eigentlich drunter hatte. Hoffentlich nicht die schwarz-weißen Hasen…..

Also achte ich jetzt immer auf kindersichere Garderobe und wenn das bei der kleinen, furchtlos, freien und frohen Rakete aussichtslos ist, muss es wenigstens schöne Unterwäsche geben.

In diesem Sinne, gehen Sie doch mal wieder was Hübsches „für drunter“ einkaufen, es kann nicht schaden.

„1 Jahr oder der Mittelpunkt der Welt“ von Sabine Henriette Schwarz


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